Österreich als Prügelknabe

31.08.2016 • 20:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Kemal Kilicdaroglu fiel fast einem Überfall zum Opfer. Foto: ap
Kemal Kilicdaroglu fiel fast einem Überfall zum Opfer. Foto: ap

Erdogans Säuberungen erfassen nun auch die eigene Partei.

ankara. In der Türkei ufert die Hexenjagd auf echte und vorgeschobene Gegner des Erdogan-Regimes kräftig aus. Gleichzeitig stößt Ankara global mit internationalen Auslieferungsanträgen vor. Österreich bleibt davon nicht verschont: Auch in den Alpen, der Anomymität von Fremdensverkehrsorten und Bundesländer-Hauptstädten sollen sich internationale Drahtzieher des Umsturzversuches vom 15. Juli versteckt halten. Es genügt, wenn in einer Wiener Döner-Bude einmal eine Abordnung des Afro-Asiatischen Instituts von Erdogans heutigem Intimfeind Fethullah Gülen eingekehrt war, um den Inhaber über Interpol ausschreiben zu lassen.

Überhaupt muss nun Österreich als einer der Hauptprügelknaben für Ankaras Propaganda herhalten. Die wagt sich mit der deutschen Bundesrepublik und erst recht den USA doch nicht so aggressiv anzulegen. Zwischen Wien und Bregenz graben die am Bosporus gleichgeschalteten Medien hingegen überall Feinde Erdogans, des Islams und der Auslandstürken aus. Das Regierungsorgan „Sabah“ (Der Morgen) spielt beim Österreich-Bashing die erste Geige, lässt fast keine Nummer ohne dicke Schlagbalken und Bildberichte von Muslimunterdrückern und Türkenhassern an Donau, Inn und Ill. Keinerlei Hinweis darauf, dass es Erdogans Anhänger in der Diaspora selbst sind, die auf gastfreundlichem Auslandsboden türkische Innenpolitik austragen wollen.

In dieser dominiert inzwischen längst nicht mehr der Kampf gegen die „Gülenisten“ allein. Jeder, der noch Opposition zu betreiben wagt, kommt auf die Abschussliste des Regimes. Der Hauptverfechter eines Festhaltens am Atatürk-Programm einer Verdrängung des Islam aus dem öffentlichen Leben, CHP-Parteichef Kemal Kilicdaroglu, fiel am Wochenende ums Haar einem Feuerüberfall auf seinen Konvoi zum Opfer. Die Ultranationalisten von der MHP werden durch Abspaltungen zur Bedeutungslosigkeit degradiert – Bürgermeister, Kommunalpolitiker und Journalisten der Kurdenpartei HDP wandern gleich ins Gefängnis.

Inzwischen rumort es aber schon im eigenen Regime bei den „Islamdemokraten“ der AKP. Altpräsident Abdullah Gül wurde inzwischen einer seiner wichtigsten Berater wegverhaftet. Und Ex-Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, der sich im Frühjahr von Erdogan losgesagt hatte, sieht jetzt seinen ehemaligen Chefdiplomaten Gurcan Balik hinter Schloss und Riegel. Dessen Verbrechen besteht darin, 2013 einen letzten Versöhnungsversuch zwischen Ankara und Gülen gewagt zu haben.

Ablenkungsmanöver

Für die türkischen Streitkräfte, die nach ihrer unverhältnismäßig brutalen Säuberung nach dem Militärputsch vom 15. Juli nur mehr zähneknirschend hinter Erdogan stehen, soll wiederum die Invasion „Euphrat-Schild“ nach Syrien hinein zugleich ein frisches Erfolgserlebnis abgeben und als Ablenkungsmanöver von weiteren innenpolitischen Abenteuern dienen. An dem Versuch, das Regime von Ankara zu stürzen, waren nicht nur Mitglieder der modern-islamischen Organisation von Fethullah Gülen beteiligt. Auch viele andere aus der Überzeugung heraus, dass Erdogans Entwicklung zum Diktator und sein immer radikalerer Islamismus die Türkei ins Unheil stürzen.