Starke Männer

Politik / 05.10.2016 • 22:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Vor einem Jahrzehnt hat noch jeder Zehnte in Österreich bei Umfragen gesagt, ein „starker Mann“ müsste her, und das war schon bedenklich genug, insbesondere für eine Nation, die, wie nur wenige andere, über das Privileg verfügt, in Wohlstand und Sicherheit zu leben. Inzwischen sind es nach den gleichlautenden Umfragen genau viermal so viele, die den Ruf nach dem „starken Mann“ unterstützen. Umgekehrt: Hatten im Jahr 2007 noch 71 Prozent die ihnen unterbreitete Aussage “Es wäre besser, einen starken Führer zu haben“ empört von sich gewiesen, waren es letztes Jahr nur noch 36 Prozent. Ist aus der so oft zitierten Politikverdrossenheit – nur ein Drittel der Befragten ist mit dem Funktionieren des demokratischen Systems in Österreich wirklich zufrieden – eine gefährliche Demokratiemüdigkeit erwachsen? Zugleich, so hört man, wird in den Privathaushalten aufgerüstet: Heute werden dort offenbar ein Fünftel mehr Waffen gelagert als noch vor zwei Jahren, insgesamt rund 300.000. Wozu?

Viktor Orban, der „starke Mann“ im Nachbarland, ist mit seinem spektakulären Referendum, welches sich das wirtschaftlich nicht gerade gesegnete Land geschätzte 32 bis 42 Millionen Euro kosten ließ, und das er als scharfes Schwert gegen die Flüchtlingspolitik der EU schwingen wollte, spektakulär gescheitert. Mit Angstmache vor Terrorismus durch Flüchtlinge und Migranten, vor einem angeblichen muslimischen Ansturm auf das christliche Europa, wollte er seinem autoritären Regime neuen Schwung verleihen und zugleich von Korruption und sozialen Missständen ablenken. Eine durchschaubare Taktik, und offenbar war dies dann selbst der Mehrheit der Ungarn zu viel, die Orban in den letzten Jahren ja immer wieder bedenkenlos auf den Schild gehoben hatte. Der ungarische Autokrat hat sich mit seinem polnischen Gegenstück, Jaroslaw Kaczynski, verbündet, gemeinsam überschütten diese „starken Männer“ des Ostens die EU mit Hohn und Verachtung und halten zugleich die hohle Hand auf für den reichlich aus Brüssel nach Warschau und Budapest fließenden Geldsegen. Und Russlands „starker Mann“ Putin zündelt nach seinen Aggressionen auf der Krim sowie in der Ukraine gefährlich im syrischen Stellvertreterkrieg und erhöht das Risiko einer direkten Konfrontation mit den Vereinigten Staaten. Sind das die „starken Männer“ nach denen wir rufen?

Österreichs junger Außenminister Sebastian Kurz, der zwar (noch) nicht der politischen Spezies der „starken Männer“ zuzurechnen ist, der aber seine Stärke aus hohen Beliebtheitswerten bezieht, biedert sich zunehmend dem „Club der starken Männer“ an: Mit einem scharfen (und, man muss es zugeben, recht erfolgreichen) Kurs in der Flüchtlingsfrage, und jetzt, just nach dem ungarischen Referendumsdebakel, mit deutlichem Sukkurs für den Autokraten Orban. Kein Zweifel: Kurz bringt sich, als künftiger ÖVP-Spitzenkandidat, in Stellung für das Duell gegen Strache, den „starken Mann“ Österreichs sozusagen und, unverkennbar, anschließend für eine Koalition mit der FPÖ.

Kurz bringt sich in Stellung für eine Koalition mit der FPÖ.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).