Moskau kehrt in den Orient zurück

Politik / 10.10.2016 • 22:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Putin und Erdogan führen heute intensive Gespräche.  Foto:afp
Putin und Erdogan führen heute intensive Gespräche. Foto:afp

Russlands Präsident Putin stärkt Türkeis Präsident Erdogan gehörig den Rücken.

istanbul. In Istanbul wurde am Montagabend Wladimir Putin bei seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan vorstellig. Vordergründig ging es ihm darum, das Pipelineprojekt „Turkish Stream“ zu besiegeln: Es soll russisches Erdgas über die Türkei und Griechenland nach Westeuropa blasen und zu dessen zweiter Lebensader für Energie nach dem 2011 eröffneten Nord Stream unter der Ostsee werden.

Zeichen stehen auf Sturm

Doch auch politisch hatten sich beide Staatschefs diesmal entscheidend mehr zu sagen als bei Erdogans Blitzbesuch in St. Petersburg von Anfang August. Damals bemühten sich Amerikaner und Russen noch um gemeinsames Vorgehen im Syrienkonflikt. Inzwischen stehen die Zeichen zwischen Washington und Moskau aber auf Sturm: Vor dem UN-Sicherheitsrat blockierte man sich am Wochenende mit gegenseitigen Vetos. Wobei auffallen musste, dass Ägypten mit Russland stimmte.

Gleichzeitig gehen am Nil die ersten ägyptisch-russischen Truppenmanöver seit der prosowjetischen Ära von Abdel Nasser über die Bühne. Moskau ist im Orient auch über Syrien hinaus wieder im Vormarsch. Die Türkei erhält bei solchem Bestreben für den Kreml besonderen Stellenwert. Das gab dieser Begegnung Putins mit Erdogan erhöhte Brisanz.

Die Türken können ihrerseits russische Rückenstärkung wieder gut brauchen. Durch ihren Einmarsch in Nordsyrien sind sie mit den US-gestützten Kurdenmilizen DYP in Konflikt gekommen. Der Gegensatz blockiert den weiteren Vormarsch gegen den Islamischen Staat (IS) und seine syrische Kommandozentrale Ar-Rakka.

Die Entscheidungsschlacht über Syriens Zukunft und wahrscheinlich auch eine neue ost-westliche Weltordnung wird inzwischen überhaupt weiter westlich in Aleppo zwischen Assad, Russen, Iranern und amerikanisch unterstützten Muslim-Rebellen geschlagen. Der Endkampf gegen den Islamischen Staat ist in Syrien vorerst aufgeschoben.

Nicht so im Irak, wo die Befreiung der Millionenstadt Mossul in greifbare Nähe rückt. Aber auch damit hat die Türkei ihre Probleme. Zwar bereitet es Erdogan weniger Kopfzerbrechen, dass an der Entthronung von IS-Kalif Abu Bakr al-Boghdadi in der von ihm 2014 eroberten nordirakischen Metropole kurdische Truppen maßgeblich beteiligt werden. Denn mit Irakisch-Kurdistan hat Ankara im Unterschied zu Syrien ein leidliches Auskommen. Es fürchtet Bagdads schiitischen Volkssturm „Haschd asch-Schaabi“. Er werde – ebenso schlimm wie Daesch – Mossul und seine Region bis zur türkischen Grenze fanatischem Schiitenterror ausliefern. Auch dagegen wollte sich Erdogan bei Putin absichern. Dieser wird kaum die Gelegenheit versäumen, im Irak wieder mitzuspielen, wo die Russen seit den Golfkriegen ihren alten Einfluss ganz verloren haben.