Steuerrückerstattung als Kirsche auf dem Kuchen

Politik / 11.10.2016 • 20:57 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Valetta ist die Hauptstadt Maltas und Sitz zahlreicher europäischer Unternehmen. Foto: viewingmalta.com
Valetta ist die Hauptstadt Maltas und Sitz zahlreicher europäischer Unternehmen. Foto: viewingmalta.com

Malta ist keine klassische Steueroase. Dennoch kann der Steuersatz gegen null Prozent tendieren.

Valletta. Mel Roberts könnte bereits in Pension sein. Er ist 69 Jahre alt, hat ein sympathisches Gesicht, trägt eine Brille, der oberste Knopf seines Hemds ist offen. Mel Roberts ist freundlich, beantwortet geduldig und ausführlich alle Fragen ausführlich. Das ist ungewöhnlich, zumindest für die Branche, in der er tätig ist. Der Brite leitet die Malta-Niederlassung eines internationalen Finanzdienstleisters und hilft Geschäftsführern, Konzernen und kleineren Unternehmen, sich auf dem Inselstaat anzusiedeln. Im Büro arbeiten 14 Mitarbeiter, laut Roberts sind rund 200 Unternehmen an dieser Adresse gemeldet.

Mel Roberts ist eine Ausnahme. Die VN haben bei mehreren Spezialisten der Branche angefragt, die Antworten waren kurz: „Ich spreche grundsätzlich zu keinem Thema mit der Presse“, erklärte etwa ein Berater. Selbst der grüne Europaabgeordnete Sven Giegold, Mitbegründer von Attac in Deutschland, schildert den VN, wie schwierig es für ihn sei, Kontakte in Malta zu knüpfen.

Aus der Branche will niemand so richtig reden. Und das, obwohl in Malta vieles legal und transparent abläuft, wie Experten festhalten. „Aus klassischen Steuerhinterziehungsgeschichten sollte Malta draußen sein“, sagt etwa Sabine Kirchmayr-Schliesselberger, Vorstand des Instituts für Finanzrecht an der Uni Wien. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Unternehmen, die eine Tochtergesellschaft in Malta besitzen. Denn effektiv zahlt eine Firma auf der Insel kaum Steuern. Ein berühmtes österreichisches Beispiel ist der Möbelkonzern „XXXLutz“.

Keine klassische Steueroase

Malta ist mit Panama und anderen Steueroasen nicht vergleichbar. Es gibt kein Bankgeheimnis, laut Gesetz muss ein Unternehmen physisch präsent sein. Mit 35 Prozent Körperschaftssteuer zählt Malta zu den Hochsteuerländern in der EU. Das internationale „Tax-Justice-Network“ errechnet jährlich den FSI, den „Financial Secrecy Index“. Da liegt Malta auf Rang 27, Österreich im Vergleich auf Rang 24. Im Ranking führt die Schweiz vor Hong- Kong und den USA.

Malta ist auch nicht mit Irland oder Luxemburg zu vergleichen. Diese Länder arbeiten mit rulings. Das heißt, sie vereinbaren mit Konzernen eigene Steuersätze, die teilweise unter einem Prozent liegen. Apple muss deswegen nun dem Staat Irland zwölf Milliarden Euro nachzahlen, beschloss kürzlich die EU-Kommission. Irland und Apple wehren sich. Auch Maltas Finanzminister, Edward Scicluna von der sozialdemokratischen Labour Party, verbittet sich den Vergleich: „In unserem System gibt es keine Steuerrulings. Wir bevorzugen also kein Unternehmen gegenüber einem anderen. What you see is what you get.“

Und „what you get“ ist ein effektiver Steuersatz von rund fünf Prozent. Ausländische Gesellschafter – natürliche und juristische Personen, die nicht in Malta steuerpflichtig sind – haben die Möglichkeit, 6/7 der Abgaben wieder zurückzufordern. Mel Roberts sagt sogar: „Der effektive Steuersatz schwankt zwischen null und zehn bis zwölf Prozent, im Schnitt sind es fünf Prozent. Normalerweise gründet man zwei Unternehmen. Eine Tradingcompany und eine Holding.“ Dieses System ist bekannt und geduldet.

Michael Lang, Vizerektor der Wirtschaftsuniversität Wien, erläutert: „Eigentlich ist es egal, denn vom Prinzip her hebt Österreich die Steuern österreichischer Firmen sowieso ein.“ Das Doppelbesteuerungsabkommen könne jedoch dafür sorgen, dass jemand gar nicht zahlen muss. Also Abgaben spart, seine Steuern optimiert. „Bei Steueroptimierung stellt sich die Frage, wie aggressiv man das betreibt“, führt Lang aus. Er warnt vor einer hysterischen Diskussion: „Bei den Panama-Papers war jeder, der vorgekommen ist, der Böse. Derweil muss der Einzelfall geprüft werden.“ Finanzminister Scicluna unterstreicht das: „Man sollte sich verschiedene Unternehmen ansehen, es gibt viele Gründe, in Malta ansässig zu werden.Aber natürlich, wenn es eine Kirsche auf dem Kuchen gibt, will man auch diese Kirsche.“

Und dieser Kirsche bedienen sich zahlreiche Unternehmen. Im öffentlichen Firmenregister sind über 60.000 Unternehmen registriert. Bei 420.000 Einwohnern.

Wir bevorzugen kein Unternehmen gegenüber anderen.

Edward Scicluna
Valetta ist die Hauptstadt Maltas und Sitz zahlreicher europäischer Unternehmen. Foto: viewingmalta.com
Valetta ist die Hauptstadt Maltas und Sitz zahlreicher europäischer Unternehmen. Foto: viewingmalta.com

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