Ein teures Spektakel um die Macht

Politik / 06.11.2016 • 22:38 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Demokratin Hillary Clinton liegt derzeit in den meisten Umfragen knapp vorne. Foto: AFP
Die Demokratin Hillary Clinton liegt derzeit in den meisten Umfragen knapp vorne. Foto: AFP

Präsidentschaftswahlkampf in den USA verschlang sieben Milliarden Dollar.

Washington. Nach 17 Monaten können die US-Bürger und der viel zitierte Rest der Welt endlich aufatmen: Der mit ihren Kandidaturankündigungen im Juni vergangenen Jahres eröffnete Präsidentschaftswahlkampf ist endlich vorbei. Abgeschaltet wird das Spektakel der längsten Reality-Show der Welt von Amerikanern, die am morgigen Dienstag (Ortszeit) die Nachfolgerin oder den Nachfolger von US-Präsident Barack Obama wählen: Entweder die Ex-Senatorin und Ex-Außenministerin Hillary Rodham Clinton oder den deutschstämmigen Immobilien- und mehrfach Pleite gegangenen Kasino-Mogul Donald John Trump.

So teuer wie noch nie

Der verbale Schlagabtausch mit Verbalinjurien, die Politiker in anderen Ländern hinter Gittern gebracht hätten, verschlang die Irrsinnssumme von sieben Milliarden Dollar (6,3 Milliarden Euro), soviel wie noch nie in der Geschichte amerikanischer Wahlen. Den gesamten volkswirtschaftlichen Aufwand schätzt das Washingtoner Handelsministerium auf mehr als hundert Milliarden Dollar. Zu den größten Nutznießern gehören die traditionellen und die sozialen Medien. Die Dauerberieselung mit sensationellen Attacken, „Enthüllungen“ und oft mehr als geschmacklosen Anschuldigungen und Verdächtigungen brachten Fernseh- und Radiostationen Zuschauer- und Zuhörerrekorde, und diversen Printmedien Auflagen-Explosionen. Das führte auch in den sozialen Medien wie Twitter und Facebook zu einem sprunghaften Anstieg der Anzeigeneinnahmen. Zu den Opfern des Dauerwahlkampfes gehören die bei Schlägereien auf Trump-Veranstaltungen Verletzten sowie zerstörte Karrieren, wie die von Trump wie am Fließband gefeuerten Spitzenmitarbeiter seines Wahlkampf-Teams. Einige Unternehmen meldeten „Betriebsstörungen“, weil sich Anhänger von Trump und Clinton in die Haare gerieten.

Auch wahlkampfbedingte Sachschäden sind zu beklagen. Auf ein Parteibüro der Republikaner wurde ein Brandanschlag verübt, auf mehrere Demokraten-Büros Schüsse abgegeben. Mit „Trump wählen“ beschmierte Kirchen von „schwarzen“ Gemeinden und Moscheen wurden von unbekannten Tätern angezündet. Zahlreiche Schulbehörden im Land registrierten mit einer drastischen Zunahme von Mobbing-Fällen und tätlichen Angriffen einen „Trump-Effekt“ unter Schülern. Dabei seien immer wieder die vom republikanischen Kandidaten in seinen Reden verwendeten intoleranten und abwertenden Sprüche über Minderheiten zu hören.

Kaum Sachfragen erörtert

Die Erörterung von Sachfragen spielte bei den Wahlkampfauftritten der Kandidaten oft eine Nebenrolle. Für Schlagzeilen sorgten dagegen Beleidigungen, Verschwörungstheorien und vermeintliche Skandale. Seine ursprünglich 15 Republikaner-Konkurrenten bei den Vorwahlen stufte Trump als Lügner, Schwächlinge und unfähige Versager ein. Der Demokraten-Kandidatin Clinton unterstellte er die Beteiligung an mehreren Morden. Sie “revanchierte” sich mit Zweifeln am Geisteszustand Trumps.

Hillary Clinton musste sich auch gegen den Vorwurf wehren, dass sie in ihrer Zeit als Außenministerin ihren E-Mail-Verkehr gesetzeswidrig über ein privates Computersystem abwickelte und nach dem Bekanntwerden mehrere Tausend E-Mails löschte. Trump stufte dies als kriminelle Handlung ein und kündigte an, sie dafür nach seinem Wahlsieg hinter Gitter zu bringen. Aber auch Trump geriet ins Kreuzfeuer der Kritik: Nachdem er selbst mit sexuellen Abenteuern geprahlt hatte, beschuldigten ihn mehr als zehn Frauen öffentlich, sie sexuell belästigt zu haben. Trump unterstellte daraufhin Hillary Clinton, die Frauen, die er natürlich verklagen werde, zum Lügen angestiftet zu haben. Im Übrigen sei er unantastbar: „Ich könnte mich auf die Mitte der 5th Avenue in New York stellen und einen Menschen erschießen und würde keine einzige Wählerstimme verlieren.“

Ob die Wählerstimmen für Trump am morgigen Wahltag reichen, wird sich noch zeigen. Und das Wahlergebnis, das in den frühen Morgenstunden des Mittwochs bekannt sein dürfte, wird Aufschluss darüber geben, ob unter einer Präsidentin Clinton die Politik des gegenwärtigen Amtsinhabers Barack Obama im Großen und Ganzen fortgeführt werden kann. Oder ob ein Präsident Donald Trump wie von ihm versprochen, „die ganze korrupte Machtclique in Washington wegfegt“, und „das Land rettet, wie nur ich es kann“. Wie die Rettung im Einzelnen aussehen soll, hat Trump seiner großen Anhängerschar auch in 17 Monaten Wahlkampf nicht genauer sagen können. Und wenn seine Fans doch etwas weniger zahlreich sind als die von Hillary Clinton – wie es am Vorabend des Wahltages scheint – wird es die Welt auch nicht erfahren.