Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Verpasste Jahrhundertchancen

Politik / 25.11.2016 • 22:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Man kann nicht behaupten, dass Bregenz in der jüngsten Zeit die sich eröffnenden Möglichkeiten genutzt hätte. Und es zeichnet sich ab, dass es bei der Seestadt nun so weitergeht, dass weitere Fehltritte passieren. Aber blicken wir zunächst zurück in die jüngste Vergangenheit.

Das in die Jahre gekommene Mercure-Hotel in bester Seelage, direkt am Festspielhaus, hätte durch ein überraschendes Vorkaufsrecht in das Eigentum der Stadt gebracht werden können. Statt eine Perle des Festspielbezirks zu schaffen, wird nun das Elend verlängert: Das Mercure wird das Mercure bleiben. Für die französisch-chinesischen Eigentümer ein mittelmäßiges Hotel – für Bregenz der prominenteste Platz direkt am See.

Die nächste Chance wird es nicht so schnell geben, denn der Vertrag wurde auf 80 Jahre unterschrieben. Übrigens, das große Geschäft kann es nicht sein: Völlig marktunüblich verschleuderte die Stadt Bregenz bisher das Baurecht an dieser prominenten Stelle für einige Tausend Euro jährlich.

Nun ist ein weiteres Bregenzer Prestigeprojekt erneut in den Schlagzeilen. Die Bregenzer Stadtoberen müssen endgültig eine Entscheidung zur Seestadt treffen. Bislang ist der graue Parkplatz eine klaffende Wunde der Stadt, seit Jahren unverändert. Brachliegende 46.000 Quadratmeter mit prominenter Imbissbude und dank Parkgebühren auch unbebaut prächtiger Rendite.

Seit VN-Kommentator Walter Fink in dieser Zeitung die nach einem Geheimtreffen zwischen Architekten und Seestadt-Vertretern geäußerte geballte Kritik aufdeckte, scheint das Seestadt-Projekt endgültig ins Wanken geraten zu sein.

Die Verantwortlichen wollen das Erreichte nicht aufgeben. Doch die Einwände sind ernst zu nehmen. Denn: Hier spielt nicht die Architektenkammer Querulant, um Jobs zu generieren. Hier geht es nicht um gekränkte Eitelkeiten. Hier geht es um die ernsthafte Sorge um die Zukunft unserer Landeshauptstadt.

Klar, es gab einen Masterplan, er dürfte nur zu lange in der Schublade gelegen haben. Klar, es gab im letzten Jahrzehnt ein breites Bürgerbeteiligungsverfahren. Vorarlberg hat die Bürgerbeteiligung sogar in der Verfassung verankert. Doch das ist alles kein Persilschein zum Betonieren. Bregenz ist gesegnet durch eine wunderbare Lage zwischen Pfänder und Bodensee, entsprechend sensibel ist das Gebiet, das durch die Seestadt verbaut wird.

Die Seestadt nach heutigem Stand ist ein geschlossenes Projekt, eine Stadt in der Stadt. In den vergangenen zehn Jahren seit dem Start der Überlegungen hat sich aber viel getan, offene, mit den Quartieren vernetzte Lösungen scheinen in einem Stadtkern deutlich zukunftsfähiger zu sein.

Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, größer über Bregenz nachzudenken. Die ÖBB sind so freundlich, den gescheiterten Bahnhof in der Nachbarschaft wenige Jahrzehnte nach der Eröffnung wieder abzureißen. Die Verbindung zwischen See und Stadt ist die große Chance des Projekts. Deshalb kommt es jetzt auch nicht mehr darauf an, einige weitere Monate zu verlieren. Nicht klug wäre es jedenfalls, die wohlüberlegten Einwände von Experten nun einfach vom Tisch zu wischen.

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.