Verdächtiger hinterließ Fingerabdrücke im Lkw

Politik / 22.12.2016 • 22:37 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Amri wurde europaweit zur Fahndung ausgeschrieben.  reuters
Amri wurde europaweit zur Fahndung ausgeschrieben.  reuters

Fieberhafte Suche nach mutmaßlichem Berlin-Attentäter Amri. Kritik an Behörden.

berlin. (VN) Immer mehr wird zur Gewissheit, dass der Tunesier Anis Amri für den Terroranschlag in Berlin verantwortlich ist. Fingerabdrücke des 24-Jährigen sind im Fahrerhaus des Lastwagens sichergestellt worden, der am Montagabend in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt nahe der Gedächtniskirche gerast war. Das bestätigte der deutsche Innenminister Thomas de Maizière (CDU) am Donnerstag. Die deutsche Bundesanwaltschaft erließ einen Haftbefehl gegen den Tunesier.

Bei dem verheerenden Terrorangriff starben zwölf Menschen, rund 50 wurden verletzt. Unter den Todesopfern sind neben dem eigentlichen Lkw-Fahrer aus Polen auch eine israelische Frau und eine Italienerin. Ein erster Verdacht gegen einen unmittelbar nach der Tat festgenommenen Pakistaner erhärtete sich nicht, er wurde wieder freigelassen. Auf die Spur Amris kamen die Ermittler, als sie im Lkw seine Duldungspapiere entdeckten. Nach dem potenziell bewaffneten Verdächtigen wird nun europaweit gefahndet, für Hinweise ist eine Belohnung von bis zu 100.000 Euro ausgeschrieben. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich über ihr Sprachrohr Amaq zu der Tat.

Mehrere Polizeieinsätze

Die Ermittler erhöhten am Donnerstag den Fahndungsdruck. Eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes wies darauf hin, dass verschiedene Orte in Nordrhein-Westfalen und Berlin, an denen sich Amri aufgehalten haben soll, durchsucht worden seien. Auch ein Reisebus in Heilbronn sei kontrolliert worden. Festnahmen habe es bisher nicht gegeben. Amri war 2015 über Freiburg nach Deutschland eingereist. Medienberichten zufolge war er zuvor bereits in seinem Heimatland und in Italien zu langen Haftstrafen verurteilt worden.

Auf US-Flugverbotsliste

Die deutschen Sicherheitsbehörden hatten laut dem Magazin „Spiegel“ vor Monaten vage Hinweise darauf, dass sich der 24-Jährige im Chat mit einem Hassprediger als möglicher Selbstmordattentäter anbot. Entsprechende abgefangene Äußerungen von Amri seien aber so verklausuliert gewesen, dass sie nicht für eine Festnahme gereicht hätten. Offenbar versuchte der Mann auch vergeblich, an automatische Waffen zu kommen. Die „New York Times“ meldete unter Berufung auf Offizielle, die anonym bleiben wollten, der Verdächtige habe sich über den Bau von Sprengsätzen informiert. Wann das war, blieb offen. Dem Bericht zufolge stand Amri auch mindestens einmal in Kontakt mit dem IS. Sein Name sei zudem auf der Flugverbotsliste der USA gestanden.

Von März bis September wurde der Tunesier als „Gefährder“ von den deutschen Sicherheitsbehörden überwacht. Damit sind unter anderem radikale Islamisten gemeint, denen schwere Straftaten zugetraut werden. Beweise für konkrete Anschlagspläne konnten die Ermittler nicht finden. Die Abschiebung des Tunesiers scheiterte, weil er keinen Pass hatte.

Die Spur Amris führt womöglich bis an den Bodensee. Medienberichten zufolge war ein Mann mit diesem Namen im Sommer in Ravensburg in Abschiebehaft, nachdem er bei einer Routinekontrolle der Polizei in Friedrichshafen aufgegriffen worden war. Der Leiter der örtlichen Justizvollzugsanstalt, Thomas Mönig, berichtete indes, dass der Haftbefehl bis 1. August befristet gewesen sei. Der Mann sei noch vor Fristablauf auf Anordnung der zuständigen Ausländerbehörde in Nordrhein-Westfalen entlassen worden. Der Grund dafür sei nicht bekannt, hieß es beim Amtsgericht Ravensburg. Seit Dezember gilt Amri als untergetaucht.

CDU-Bundesvizechef Armin Laschet kritisierte die Arbeit der Sicherheitsbehörden. „Die Informationen, die wir seit gestern bekommen, die können einen nur erschüttern, wie Behörden hier gearbeitet haben“, sagte Laschet im Deutschlandfunk. Auch FDP-Chef Christian Lindner sprach von „katstrophalen Fehlern“. Der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, wies die Vorwürfe zurück.

Weihnachtsmarkt wieder offen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, man habe in Deutschland in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um dem Terrorismus Herr zu werden. Nun befinde man sich in einer Bewährungsprobe. Dabei seien die „Werte von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf unserer Seite“.

In Berlin ist am Donnerstag der Weihnachtsmarkt nahe der Gedächtniskirche wiedereröffnet worden. Das Areal wurde dabei durch Betonklötze gesichert.

In der Fahrerkabine des Lastwagens entdeckten die Ermittler Duldungspapiere und Fingerabdrücke des Tunesiers.  Foto: AFP
In der Fahrerkabine des Lastwagens entdeckten die Ermittler Duldungspapiere und Fingerabdrücke des Tunesiers.  Foto: AFP