„Westen schaut einfach weg“

Politik / 12.01.2017 • 22:44 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Journalistin Zeynep Oral zeigt das Titelblatt der „Cumhuriyet“, auf dem täglich die verhafteten Kollegen abgebildet sind.   Foto: VN/Paulitsch
Journalistin Zeynep Oral zeigt das Titelblatt der „Cumhuriyet“, auf dem täglich die verhafteten Kollegen abgebildet sind.  Foto: VN/Paulitsch

Schriftstellerin berichtet über die schwierige Lage der türkischen Journalisten.

bregenz. Elf Mitarbeiter der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“ sitzen derzeit im Gefängnis. „Sie sind über 70 Tage in Haft und wissen noch immer nicht, was ihnen zur Last gelegt wird“, sagt die Autorin und Journalistin Zeynep Oral, die für das regierungskritische Blatt tätig ist. Auf Einladung des Vorarlberger Presseclubs war die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin am Mittwoch in Bregenz, um über die Lage der Journalisten in der Türkei zu referieren.

Bilder der Inhaftierten

„Jeden Tag platzieren wir die Fotos der inhaftierten Kollegen auf der Titelseite. Dort, wo normalerweise ihre Kolumnen erscheinen würden, bleibt der Platz leer“, schildert Oral in einem Mediengespräch. Erst im November ist sie in die schwedische Hauptstadt Stockholm gereist, um den Alternativen Nobelpreis stellvertretend für mehrere inhaftierte leitende Mitarbeiter der Tageszeitung entgegenzunehmen. „Die Welt weiß um ‚Cumhuriyet‘, wir gelten als Referenz für ausländische Medien, die über die Türkei berichten. Deswegen gibt es die Zeitung auch noch“, erzählt die aus Istanbul stammende Kolumnistin, die auch Präsidentin der türkischen P.E.N.-Gesellschaft ist. „Aber wir stehen unter hohem rechtlichen und ökonomischen Druck. Wir versuchen, als Medium zu überleben.“

Über 100 im Gefängnis

Die Lage für Journalisten ist nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli immer schwieriger geworden. Weltweit sitzen derzeit 358 Journalisten im Gefängnis, meldete die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ unlängst in ihrem Jahresbericht 2016. Allein in der Türkei sind es über 100. „Als unmittelbar nach dem Umsturzversuch der Ausnahmezustand verhängt wurde, dachten wir, dies sei zu unserem Schutz. Dem war nicht so“, schildert Oral. Mittlerweile wurde der dreimonatige Notstand zweimal verlängert, die Europäische Menschenrechtskonvention ist seit Juli außer Kraft. „Damals begann unser Leid.“

Die nach dem Putschversuch einsetzende Repressionswelle trifft zahlreiche Berufsgruppen. Medienangaben zufolge wurden seit Juli mehr als 40.000 Menschen verhaftet, darunter Angehörige der Armee, Polizisten, Oppositionspolitiker, Lehrer, Richter oder Wissenschaftler.  Ihnen werden Verbindungen zur einflussreichen Bewegung um Fethullah Gülen vorgeworfen, die Ankara für den Putschversuch verantwortlich macht. Auch Oral sieht Gülen kritisch. Ihrer Ansicht nach ist der im US-Exil lebende Mann ein „islamistischer Imam ohne Bildung“, der von westlichen Ländern jahrelang unter falschen Vorstellungen eines „moderaten Islams“ hofiert worden sei. Seit einiger Zeit gelte in der Türkei das Vorgehen gegen Gülen jedoch als „Rechtfertigung für alles“. Die als Terrororganisation eingestufte Bewegung werde für sämtliche negativen Vorgänge im Land verantwortlich gemacht.

„Wir leben in einer gespaltenen Gesellschaft“, glaubt die Autorin und betont: „Die Gräben verlaufen nicht zwischen Religiösen und Säkularen, nicht zwischen Türken und Kurden und auch nicht zwischen Sunniten und Aleviten oder Schiiten.“ Es gehe darum, wer für die an der Macht und wer dagegen sei.

Vorwürfe gegen EU und USA

Oral macht dem Westen schwere Vorwürfe. „Die Türkei war früher das einzigartige Beispiel eines säkularen muslimischen Landes. Es wäre eine große Chance für alle gewesen, wenn das von den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union stärker unterstützt worden wäre“, ist die Schriftstellerin überzeugt. Nun sei es vermutlich zu spät. „Das ist ein riesiger Verlust für mein Heimatland, aber gleichzeitig auch für Europa.“

Nach Ansicht der Journalistin verhalten sich die westlichen Länder hinsichtlich der aktuellen Vorgänge in der Türkei heuchlerisch. „So lange die wirtschaftlichen Beziehungen funktionieren und die Flüchtlinge aus Syrien zurückgehalten werden, schauen sie einfach weg.“

Journalistin Zeynep Oral zeigt das Titelblatt der „Cumhuriyet“, auf dem täglich die verhafteten Kollegen abgebildet sind.   Foto: VN/Paulitsch
Journalistin Zeynep Oral zeigt das Titelblatt der „Cumhuriyet“, auf dem täglich die verhafteten Kollegen abgebildet sind.  Foto: VN/Paulitsch