Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Zeitenwende in 140 Zeichen

20.01.2017 • 21:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Schnörkellose Kommunikation auf einfachstem sprachlichem Niveau. Alles ist entweder „traurig“, „unehrlich“, „schlecht“ oder „großartig“. Kein Dazwischen. Kein Grau. Keine Nebensätze. 140-Zeichen-Botschaften auf Twitter. Ausrufezeichen! Und oft genug schießt sich der nunmehr angelobte US-Präsident auf Einzelpersonen ein. Greift als mächtigster Mann der Welt namentlich Leute an, die sich nicht wehren können.

Seine eingeschränkte Gedankenwelt wird durch seltene Pressekonferenzen und Interviews erst nach und nach sichtbar. Vor allem waren wir uns alle nicht sicher, wie ernst Donald J. Trump die Dinge, die er im Wahlkampf sagte, auch tatsächlich meinte. Nun, auch der vereidigte Präsident hat nach wie vor überraschende Standpunkte. Die Nato: obsolet. BMW wird mit Strafzöllen belegt, falls in Mexiko gebaut wird und nicht in den USA. Das ganze Leben – ein großer Deal.

Den 70-jährigen Klimawandelleugner mit aus der Zeit gefallenem Frauenbild allein als irren Rüpel abzuschreiben, greift nicht weit genug. Trump mag wie ein Witz wirken, er hat aber alle Macht, um ernst zu machen. „Make America great again“: die verklärte Sehnsucht nach einem Land der Vergangenheit als Programm für die Zukunft.

Europa und seine Vernunft ist angesichts der immer eigentümlicher agierenden Gegenpole Moskau und Washington wichtiger denn je. Wir müssen fraglos an der Umsetzungsstärke arbeiten, denn in wichtigen Fragen ist die EU aktuell nicht handlungsfähig.

Wir Europäer tun gut daran, uns von der Politik der Angstmacher nicht auseinanderdividieren zu lassen. Natürlich findet Trump den Brexit gut, wartet auf weitere EU-Austrittsländer. Er mischt sich in europäische Angelegenheiten ein, und immer schwingt Destruktives mit. Natürlich jubeln die rechten EU-Gegner Europas. Da passt es hervorragend ins Bild, dass Heinz-Christian Strache und Norbert Hofer die Inauguration in Washington feierten.

Die Vereinigten Staaten von Amerika erleben eine Zeitenwende. Wir blicken nicht nur dieser Tage fassungslos über den großen Teich. Der 45. US-Präsident hasst die freie Presse, kritische Journalisten jedenfalls, und ist gleichzeitig süchtig nach Schlagzeilen. Tag für Tag.

Trump wird die USA verändern, aber nicht zum Guten. Denn wirtschaftlicher Erfolg ist in dieser vernetzten Welt nicht durch Isolation zu erreichen. Das ist Europas Chance.

Trump wird die USA verändern, aber nicht zum Guten.

gerold.riedmann@vn.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.