Erinnern tut weh

26.01.2017 • 21:38 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die beiden jüdischen Frauen Melanie Glanz und Paula Goldschmied haben ein gemeinsames Schicksal. Beide sind in Hohenems geboren. Gelebt haben sie anderswo. Von Vertretern der Herrenrasse wurden sie in blindem Wahn nach Polen in das größte Vernichtungslager des Nationalsozialismus deportiert. Am Schluss wird bei den zwei Hohenemserinnen in den Dokumenten nur kurz vermerkt: Sterbeort – Auschwitz. Über eine Million Juden wurden hier ermordet. Auschwitz gilt als das Kainsmal der deutschen Geschichte.

 

Das Erinnern löst Entsetzen aus. Es lässt uns verstummen und aufschreien zugleich. Sich den bedrückendsten Wahrheiten unserer Geschichte zu stellen, ist aber unverzichtbar. So hieß es im Deutschen Bundestag. Dazu würden uns die Opfer, ihre Angehörigen und die Nachkommen verpflichten. Am 27. Jänner 1945 hat die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Heute jährt sich dieser denkwürdige Tag zum 72. Mal. Aus diesem Anlass findet heute um 19 Uhr in der ehemaligen Synagoge von Hohenems eine Gedenkveranstaltung statt, bei der auch ein Buch über NS-Täter, Helfer und Trittbrettfahrer des Bodenseeraumes vorgestellt wird.

 

Wir müssen Tag für Tag erleben, dass Nationalismus, Antisemitismus und Rassenhass keine überwundenen Uralt-Ideen sind. Sie werden durch den ständig wachsenden Rechtsextremismus kräftig genährt. Der unheilvolle Beitrag der Rechtspopulisten wird dabei leider oft verniedlicht. Papst Franziskus hatte den Mut, einen Vergleich zwischen den neuen populistischen Bewegungen in Europa und dem Aufstieg Hitlers vor 1933 aufzustellen. Er sagte: „Hitler hat die Macht nicht an sich gerissen, er wurde von seinem Volk gewählt und er hat sein Volk zerstört. In Zeiten der Krise versagt das Urteilsvermögen.“

Heute wird nicht nur der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht. Die Vereinten Nationen haben den 27. Jänner überhaupt zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts erklärt. Das war bitter nötig. Der rechtspopulistische Landesvorsitzende der AfD im Bundesland Thüringen hat gerade das Holocaust-Mahnmal in Berlin infrage gestellt: Die Deutschen seien das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt habe.

 

Die unfassbare Vernichtung von Millionen unschuldiger Menschen wird von manchen eben gerne verdrängt. Nach siebzig Jahren soll man doch endlich „a Ruah geben“. Das wird sich nicht spielen. Es ist unsere Pflicht, über den Holocaust aufzuklären, um eine Wiederholung dieser grauenhaften Geschehnisse zu verhindern. Die legendäre Frau Gertrude, jene 89-jährige Pensionistin aus Wien, die in einem berühmt gewordenen Video für Van der Bellen als Bundespräsident eingetreten war, hat aufgezeigt, wie rechtsextreme Rhetorik zum Bürgerkrieg und zum Weltkrieg geführt hat. Sie habe einen Bürgerkrieg als siebenjähriges Mädchen erlebt. Da habe sie die ersten Toten gesehen. Und leider nicht die letzten.

Sich den bedrückendsten Wahrheiten unserer Geschichte zu stellen, ist unverzichtbar.

arnulf.haefele@vn.at
Arnulf Häfele ist Historiker und Jurist.
Er war langjähriges Mitglied des Vorarlberger Landtags.