„Das Erinnern hat kein Ende“

Politik / 27.01.2017 • 22:52 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Überlebende des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau trafen sich auf dem Gelände des KZ. Foto: AP
Überlebende des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau trafen sich auf dem Gelände des KZ. Foto: AP

Internationales Gedenken an die Millionen Opfer des NS-Regimes.

wien, berlin. (VN) Auschwitz-Überlebende haben am internationalen Holocaust-Gedenktag auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers der Opfer gedacht. „Das Leid, das euch dort widerfahren ist, ist für uns unvorstellbar“, sagte Polens Regierungschefin Beata Szydlo bei einer Gedenkfeier zum 72. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau. Die Geschehnisse dürften nie vergessen werden, betonte sie. Unter der Herrschaft der Nazis waren in Auschwitz mindestens 1,1 Millionen Menschen ermordet worden.

Im Jahr 2005 haben die Vereinten Nationen den
27. Jänner zum internationalen Holocaust-Gedenktag ausgerufen. Es sei „tragisch, dass Antisemitismus weiter gedeiht“, erklärte UN-Generalsekretär António Guterres in einer Mitteilung. Daneben ortet er in jüngster Zeit auch einen äußerst beunruhigenden Anstieg bei Extremismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Hass gegen Muslime. „Irrationalität und Intoleranz sind zurück“, beklagte der UN-Chef.

Gedenkstunde in Berlin

Der Deutsche Bundestag erinnerte am Freitag in einer Gedenkstunde vor allem an die Opfer des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten. „Wir gedenken in diesem Jahr besonders der Kranken, Hilflosen und aus Sicht der NS-Machthaber ‚Lebensunwerten‘, die im sogenannten Euthanasie-Programm ermordet wurden“, sagte der deutsche Bundestragspräsident Norbert Lammert. Zwischen Euthanasie und dem Völkermord an den europäischen Juden bestehe ein enger Zusammenhang, betonte er. „Als ‚Probelauf zum Holocaust‘ gilt das Töten durch Gas, das zuerst bei den Euthanasie-Opfern praktiziert und damit zum Muster für den späteren Massenmord in den NS-Vernichtungslagern wurde.“ Frank-Walter Steinmeier mahnte am letzten Tag seiner Amtszeit als Außenminister: „Das Erinnern hat kein Ende und darf es auch nicht haben.“

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu nahm den Tag zum Anlass, um vor einem gefährlichen Aufflammen des Antisemitismus in der westlichen Welt zu warnen. „Man sieht es in den europäischen Hauptstädten, es ist einfach unglaublich“, sagte er in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Als größte Gefahr für sein Land sieht der Ministerpräsident aber nach wie vor den Iran an. Seinen Worten zufolge rufe Teheran offen zur Zerstörung Israels auf.

„Der Antisemitismus darf nicht wieder Oberhand nehmen in Europa“, betonte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Österreich, Oskar Deutsch, im Ö1-Morgenjournal. „Der Wind ist rauer geworden, der Fremdenhass ist größer geworden.“

Der neue Bundespräsident Alexander Van der Bellen hatte bereits in seiner Antrittsrede im Parlament an den Holocaust erinnert und dabei auch die österreichische Täterrolle betont. Dabei sprach er von der „dunkelsten Seite der österreichischen Geschichte“. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) bezeichnete Auschwitz als „Mahnung, aus der Beschäftigung mit der Geschichte die richtigen Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft zu ziehen, gegen das Vergessen zu wirken und aufzuklären“. Auch Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) betonte, dass man sich jedes Jahr aufs Neue darauf besinne, „wohin Antisemitismus, Hass, Terror und Rassismus in letzter Konsequenz führen können.“ Auch am Wiener Heldenplatz fand am Freitag eine Gedenkveranstaltung statt.

Neues Wiesenthal-Institut

Am Wochenende wird in Wien das neue „Wiener Wiesenthal-Institut für Holocaust-Studien“ eröffnet. Zuvor in zwei Wohnungen untergebracht, stehen dem Institut nun größere Räumlichkeiten in der Innenstadt zur Verfügung, meldete Ö1. Simon Wiesenthal wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als „Nazi-Jäger“ bekannt und zog sich mit seiner Aufklärungsarbeit auch den Unmut von Politikern zu, etwa des SPÖ-Bundeskanzlers Bruno Kreisky. Vor seinem Tod 2005 entwickelte der KZ-Überlebende die Idee eines Instituts für die Holocaust-Erforschung. Es wurde 2008 gegründet.

Es ist tragisch, dass Antisemitismus weiterhin gedeiht.

Antonio Guterres