Rätsel Trump

Politik / 15.02.2017 • 22:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Was beunruhigt uns am meisten bei Donald Trump: was wir von ihm wissen oder was wir nicht wissen? Was er sagt oder was er tut (oder dann doch nicht tut)? Seine Macht oder seine Ohnmacht? Keine Frage jedenfalls: Wohl noch nie hat ein neu gewählter amerikanischer Präsident die Welt so sehr in Atem gehalten wie dieser. Politikwissenschafter analysieren, Kommentatoren spekulieren, Korrespondenten schreiben sich die Finger wund, Karikaturisten sind inspiriert wie noch nie und Satiriker – siehe everysecondcounts.eu – schwingen sich zu schwindelerregenden Höhenflügen auf.

Das „Profil“ nennt Trump ein „menschliches Monster“ – egoistisch, emotional instabil, unzivilisiert, menschenverachtend. Donald Trump sei sehr wohl „eine einzige Provokation“ schreibt die NZZ und warnt gerade deshalb die Journalisten vor Häme angesichts des Phänomens Trump, ermahnt sie zur unvoreingenommenen Analyse. Denn Trump stehe „für eine große Strömung der Gegenwart: die Renaissance des Nationalstaats“. Der „Economist“ konstatiert, dass es Trumps Fehler sei, Nationen mit Unternehmen zu verwechseln. In seiner Unerfahrenheit unterschätze er die Fragilität der Weltwirtschaft und interpretiere geopolitische Zusammenhänge völlig falsch. Er sei dabei, die Weltordnung zu demontieren, die Amerika geschaffen habe und von der die USA so sehr profitierten.

Zu diesem Schluss kommt auch Hugo Portisch, der am kommenden Sonntag seinen 90. Geburtstag feiert, in seinem lesenswerten Schnellschuss „Leben mit Trump. Ein Weckruf.“ (Ecowin-Verlag) Mit Trump, so Portisch, werde wahrscheinlich die gesamte Weltordnung, so wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt habe, aus den Angeln gehoben. In den Jahren der Bedrohung durch die Sowjetunion konnte sich Europa stets „auf Schutz und Schirm durch die USA“ verlassen. Während sich Trump und Putin „vermutlich auf einen Deal verständigen werden“, sei Europa, bedroht von nationalistischen Kräften in seinen eigenen Ländern, auf sich allein gestellt. Die Europäer müssten schleunigst, so der „Weckruf“ des prominenten Jubilars Portisch, „aus ihren nationalistischen Albträumen erwachen und endlich zu der Solidarität finden, die sie als Einheit handlungsfähig macht“. Portisch hält in seiner Schrift Rückschau auf Trumps sehr unterschiedliche Vorgänger im Weißen Haus, über deren Amtsführung der Journalist Portisch als Zeitzeuge berichtet hatte. Nixon, dem nach seinem vorzeitigen Rücktritt „wenige nachgetrauert“ hätten, habe immerhin jahrelange Anstrengungen unternommen, den Vietnamkrieg zu beenden, außerdem habe er als erster amerikanischer Präsident die Türen zum kommunistischen China aufgestoßen. Und der „international etwas belächelte“ Ex-Schauspieler Ronald Reagan habe Gorbatschow dazu gebracht, die Berliner Mauer niederzureißen und damit letztlich das morsche Gebäude des Kommunismus zum Einsturz gebracht. Obwohl es Portisch nicht ausspricht: Auch Trump, der Vielgeschmähte, könnte uns angesichts dieser Beispiele am Ende noch positiv überraschen. Wer weiß.

Auch Trump, der Vielgeschmähte, könnte uns am Ende noch positiv überraschen.

charles.ritterband@vn.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

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