Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Hier ist Europa

Politik / 17.03.2017 • 22:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Er sucht die Konfrontation. Er lässt keine Gelegenheit aus, einen Konflikt mit der Welt herbeizubeschwören. Wenn nichts mehr sonst eine Gesellschaft zusammenhält, dann schweißt eine Bedrohung von außen, ein kurzer, heftiger Sreit mit den Niederlanden zum Beispiel, im eigenen Land zusammen. Die hitzköpfige Eskalationstaktik von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan lenkt von den wahren Problemen ab.

Denn ob ein ehemaliger türkischer Energieminister in Hörbranz auftritt, lässt unsere Demokratie im Grunde kalt. Das muss uns nicht gefallen, tut Vorarlberg nicht gut – und folglich sind auch die Auftrittsverbote logisch und richtig. Doch der eigentliche Skandal ist, dass Österreich bisher geduldet hat, dass viele Austrotürken neben der österreichischen Staatsbürgerschaft auch eine türkische gelöst haben. Wie viele das genau sind, weiß man nicht. Zehntausende sollen es in ganz Österreich sein. Faktum ist, dass die Türkei so Wählerstimmen züchtet, die nun eben auch aktiviert werden müssen.

Österreich hat diesem Phänomen nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt, wie auch offenbar nicht den Aktivitäten von türkischen Ultranationalisten, die hier im Land leben. Seit vergangenem Wochenende haben Sicherheitskräfte und Staatsschutz ihre Strategie geändert. Neben Wien ist Vorarlberg ein Hotspot, dem nun verstärkt Beachtung geschenkt wird. Unser Bundeskanzler Christian Kern sagte zu Recht, dass der Hörbranzer Bürgermeister die Türkei-Krise für Europa nicht lösen kann. Wir müssen alle zusammenstehen.

Die Türkei ist mittendrin in der Transformation des einst demokratischen Landes im Vorhof Europas zu einer klaren Autokratie. Doch längst nicht jeder unterstützt Erdogan. Oft schweigen die Erdogan-Gegner, da sie sich auch hier in der Region bespitzelt fühlen. Wer unbequem ist, wird in der Türkei inhaftiert, oder hat, wie manche meiner Freunde, der Türkei nach der Entlassung aus dem Gefängnis den Rücken gekehrt.

Einer von ihnen ist der türkische Journalist Bülent Mumay, der auch schon für die VN Gastkommentare verfasste. Nunmehr Kommentator der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, wies Mumay diese Woche auf einen Dialog zweier türkischer Demonstranten bei einem Polizeieinsatz in Rotterdam hin. Ein türkisches Kamerateam hielt den Wortwechsel fest. „Schieß, erschieß mich doch“, rief einer den Polizisten entgegen. „Sei still, Bruder, sonst sperren die uns noch ein“, mäßigte ihn sein Freund. Darauf der andere: „Ach Quatsch, das ist doch hier nicht die Türkei!“

Genau. Dies ist nicht die Türkei. Hier ist das freie Europa. Erdogan ist dabei, sein Land und seine Werte zu zerstören. Lassen wir ihn diesen Konflikt nicht nach Europa tragen, auch wenn Recep Tayyip Erdogan mit seinen ausschwärmenden Reise-Ministern und den absurdesten Anschuldigungen verzweifelt versucht, nicht aus den Schlagzeilen zu rutschen.

gerold.riedmann@vn.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.