Margaret II.

Politik / 05.04.2017 • 20:38 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Kann dies ein Zufall sein? Vor genau einer Woche war hier die Rede von der „Stiff upper lip“ und, in diesem Zusammenhang, von der spanischen Armada; die britische Premierministerin Theresa May ist die aktuelle Verkörperung britischer Unerschütterlichkeit und die Neuauflage der spanischen Armada kreuzt bedrohlich vor einem winzigen Stück Britannien an der Südwestspitze Europas namens Gibraltar.

Will Theresa May zu Margaret II. werden? Eifert die zweite Frau an der Spitze der Tory-Party und der britischen Nation ganz bewusst ihrer legendären (und umstrittenen) Vorgängerin nach, stilisiert sie sich „à la Thatcher“? Margaret Thatchers unverzichtbares Requisit war die Handtasche, die zu einer neuen Redewendung Anlass gab: „Handbagging“, jemandem mit einer Handtasche eins überziehen, sinnbildlich für das politische Vorgehen Thatchers. Das ebenso unverzichtbare Attribut ihrer Nachfolgerin Theresa May sind die Leopardenschuhe: Die neue britische Premierministerin schleicht auf sanften Raubkatzenpfoten durch die Weltpolitik. Thatchers berühmtester Ausspruch war das dreifache „No! No! No!“, das sie im Unterhaus der Europäischen Kommission entgegenschleuderte, und Mays vielzitiertes Diktum ist die kompromisslose Tautologie „Brexit means Brexit“, ebenfalls auf Großbritanniens Verhältnis zur EU gemünzt. Und was Thatcher zur „Iron Lady“ machte, war der triumphale Sieg über Argentinien im Falklandkrieg 1982. Theresa May hat jetzt auch ihr Falkland: Gibraltar.

Michael Howard, der ehemalige Innenminister und Vorsitzende der Konservativen, hat ihr mit seinem provokativen Vergleich zwischen Thatchers „Verteidigung der Freiheit von Briten gegen ein anderes spanischsprachiges Land“ und dem wieder aufgeflammten Konflikt um Gibraltar ein ziemlich großes Ei gelegt. Übereifrige Journalisten sprechen schon von „Säbelrasseln“ und unverhüllten Kriegsdrohungen. Doch May hat die „loose cannon“, das unkontrollierbare Geschütz Howard nicht zurückgepfiffen und damit jenen absurden Gerüchten Auftrieb gegeben. Würde Großbritannien eine Flotte um die halbe Welt entsenden, um ein paar störrische Schafzüchter von den argentinischen Invasoren zu befreien? Völlig undenkbar. Thatcher tat genau das. Ein Krieg gegen einen Nato-Partner, um einen berühmten Felsen, Fischereirechte, 30.000 Personen und 6,5 Quadratkilometer Territorium zu schützen? Völlig undenkbar …

Dazu passt Thatchters anderer berühmter Ausspruch: „The lady’s not for turning“ (diese Dame macht keine Kehrtwendungen). Theresa May war beim Brexit-Referendum bekanntlich eine Brexit-Gegnerin, aber aus politischer Opportunität, und weil es ihrer Karriere offensichtlich nützlich war, machte sie die 180-Grad-Kehrtwendung und wurde zur „Brexit-Premierministerin“. Eine der vielen großartigen Karikaturen, die zum Thema entstanden, zeigt sie, wie sie sich sprichwörtlich in den eigenen Fuß (den rechten Leopardenschuh) schießt – oder wie sie auf dem ersten Bild dem Bulldog, dem britischen Symboltier, den Startschuss fürs Brexit-Rennen gibt und ihn dann auf dem zweiten Bild erschießt: Besser kann man das Fiasko gar nicht zum Ausdruck bringen, in das sich die Briten mit Brexit immer mehr begeben. Thatcher hat Europa die Stirn geboten, aber nicht den britischen Bulldog niedergeknallt.

Ein Krieg gegen einen Nato-Partner? Völlig undenkbar.

charles.ritterband@vn.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).