Bankrott und außenpolitisch isoliert

06.04.2017 • 20:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Erdogan kündigte bereits die Operation „Euphrat II“ an. Foto: AP
Erdogan kündigte bereits die Operation „Euphrat II“ an. Foto: AP

Präsident Erdogan plant nach Referendum trotzdem eine Rundum-Expansion.

istanbul. Am Wochenende vor der Abstimmung für Präsident Erdogans innere Machtentfaltung steht die Türkei wirtschaftlich am Abgrund: Finanzminister Mehmet Simsek musste nach einem früheren „Aufruf“ zum Einwechseln privater Devisenbestände in türkische Liras nun für alle daheim „unter der Matratze“ gehorteten Gold- und Schmuckstücke den Zwangsumtausch in Staatsanleihen verfügen. Damit will er den galoppierenden Wertverfall der türkischen Währung abbremsen.

Verhaftung in New York

Bisher kam das Erdogan-Regime mit Enteignung von rund 15.000 Banken, Industrien und anderen Großunternehmen politischer Gegner finanziell über die Runden. Sie werfen aber seitdem kaum mehr Gewinn ab. Und die Erlöse der Verstaatlichungsraubzüge sind aufgebraucht. Auch die lang einträglichen türkischen Umgehungsgeschäfte des Iran-Embargos bis 2016 und der „Waffen gegen Erdöl“-Hehlerei mit der IS-Terrormiliz sind durch die politisch-militärischen Entwicklungen zum Erliegen gekommen. Immerhin wurde noch jetzt der Vize-Chef der türkischen Halk-Bank, Mehmet Hakan Atilla, am New Yorker Flughafen deswegen festgenommen.

Politisch sind die türkisch-amerikanischen Beziehungen zum Zerreißen gespannt. Seit dem Besuch des neuen US-Außenministers Rex Tillerson Ende März gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass die Trump-Administration Ankaras Ansinnen auf eine Auslieferung des angeblichen Anti-Erdogan-Verschwörers Fethullah Gülen und die Ausschaltung der syrischen Kurden vom Endkampf gegen die IS-Terrormiliz nicht nachgibt. So musste die Türkei ihre Ende August 2016 unter dem Slogan „Schutzschild Euphrat“ begonnene Invasion in Nordsyrien abbrechen. Aus ist der Traum vom Einmarsch der eigenen Truppen und nicht der kurdischen YPG-Verbände in die IS-Hochburg Rakka. Im Gegenzug behauptet nun seine Regimepresse, das Generalkonsulat der Vereinigten Staaten in Istanbul sei in den Umsturzversuch gegen Erdogan am 15. Juli 2016 verwickelt gewesen.

Waffenlager ausgehoben

Mit den Europäern hat sich Erdogan sowieso überworfen. Nicht einmal bei seiner Anbiederung an Russland will es so richtig klappen. Seine Expansionsgelüste gibt Erdogan dennoch nicht auf. Die Athener Abwehr verfolgt besorgt rasant zunehmende Aktivitäten des türkischen Geheimdienstes MIT unter der Muslim-Minderheit im nordostgriechischen Thrakien. Im Minarett einer Moschee bei Xanthi/Iskece wurde bereits ein Waffenlager ausgehoben. Für den 16. April, gleich nach Erdogans erwartetem Abstimmungssieg, sei dort ein Aufstand geplant. Ähnlich befürchten die Zyperngriechen, dass das Regime von Ankara im Anschluss an das Referendum seine Besatzungszone im Nordteil der Insel auf ganz Zypern ausweiten will. Jedenfalls hat Erdogan schon für nach dem Referendum eine Operation „Euphrat II“ angekündigt, die dann auch dem Irak gelten wird. Dort, neben den Sindschar-Bergen der Stadt Mossul und sogar im fernen Kirkuk, wohnten nämlich den Türken verwandte Turkomanen. Die sind ein Vorwand, wahres Ziel die Erdölfelder des irakischen Kurdistan. Mit diesen in der Hand hofft sich das Regime von Ankara auch aus seiner wirtschaftlichen Misere zu retten.