Ein blutiger Palmsonntag am Nil

09.04.2017 • 20:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Während der Messe in der koptischen Bischofskirche Mari Girgis in der ägyptischen Stadt Tanta explodierten Bomben.   Foto: afp
Während der Messe in der koptischen Bischofskirche Mari Girgis in der ägyptischen Stadt Tanta explodierten Bomben.  Foto: afp

Anschläge in Ägypten. Islamisten-Terror bleibt gefährlicher als Syriens Präsident Assad.

kairo. (Gstrein) In Ägypten haben am Palmsonntag Bomben in vollen Kirchen Dutzende Menschen zerrissen und noch mehr verletzt. Die schrecklichsten Bilder kommen aus Tanta, einer Stadt, wo koptische Christen und Muslime lange friedlich zusammenlebten. Die islamische Szene dominierte eine recht tolerante Derwischbruderschaft, die Badauwia. Am Grabmal ihres Gründers fand jährlich im Herbst ein „Muled“ (Volksfest) statt, an dem sich auch die Kopten beteiligten. Doch in den letzten Jahren haben Terrormilizen die frommen Derwische unterwandert, zuletzt hat aus Syrien der IS eine straffe Führung des Islamistenuntergrunds an sich gerissen.

Nach kleineren Zwischenfällen explodierten nun in der koptischen Bischofskirche Mari Girgis mehrere Bomben bzw. Selbstmordbomber. Das Blut spritzte bis in die Kuppel hinauf. Die letzten Angaben des koptischen Informationsdienstes „Morkossia“ sprechen von inzwischen 50 Toten und über 100 Verletzten. Ein zweiter Anschlag auf die Patriarchen-Kathedrale zum hl. Markus im Manscheia-Viertel von Alexandria lief glimpflicher ab: Doch gab es immerhin zwölf Tote und 20 Verwundete. Der Selbstmordattentäter konnte an der Kirchentür aufgehalten werden, worauf er sich in die Luft sprengte. In der Kathedrale verteilte Kopten-Patriarch Tawaddros II. gerade an die Gläubigen Palmen für die bevorstehende Prozession. Auf ihn hatte es der Islamist gewiss besonders abgesehen. Ein weiterer Bomber konnte rechtzeitig entwaffnet werden, als er zum gegenüberliegenden griechisch-orthodoxen Patriarchat unterwegs war. Auch dort war offenkundig Theodoros II. von Alexandria Ziel des Anschlags. Er hielt sofort einen Dankgottesdeinst für seine Erretttung ab, bei dem auch für die Bewahrung des ägyptischen Volkes vor weiteren Bluttaten verblendeter Muslim-Fanatiker gebetet wurde.

Bei Gelingen aller Attentate wären die Opfer in Ägypten hinter jenen der syrischen Giftgastragödie vor drei Tagen nicht zurückgeblieben. Die koptische Zeitung „Watani“ wirft daher die Frage auf, ob die neueste Einschätzung des islamischen Terrors als im Vergleich mit dem Assad-Regime kleineres Übel wirklich zutrifft. Die Christenmorde in Ägypten seien noch dazu unmittelbar vor dem Besuch von Papst Franziskus am Nil erfolgt. Jenem Bischof von Rom, den der türkische Präsident Erdogan als „Anführer einer Allianz von Kreuzfahrern“ beschimpft hat.

Wer ließ es Giftgas regnen?

Aus der Türkei stammen aber auch die Hauptvorwürfe gegen Baschar al-Assad als Urheber der Wolke von Nervengas im syrischen Städtchen Khan Schaichun: Radaraufzeichnungen von Erdogans Luftabwehr und Zeugenaussagen von in Spitälern der Südtürkei behandelten Giftgasopfern. So weist der libanesische Nachrichtensender Al-Madayin darauf hin, dass es auch jetzt noch nicht als erwiesen gilt, die syrische Luftwaffe hätte das Saringas regnen lassen.

Auch jordanische Medien halten die syrisch-russische Version der Bombardierung eines vorhandenen Chemie-waffenlagers von Islamisten für nicht so unglaubwürdig: Es wäre für den eben erst international akzeptierten Assad die schlechteste Option gewesen, ausgerechnet jetzt gegen das bedeutungslose Khan Schaichun Nervengas einzusetzen. Das hätte nur vorher beim Ringen um die umkämpfte Großstadt Aleppo Sinn gemacht. Jetzt bewiesen Ägypten wie zuletzt Stockholm, dass es weiter nur einen wahren Feind gibt: Die islamischen Terrormilizen in Nahost und ihre Einzelkämpfer weltweit.