Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Verleiht Flügel

11.04.2017 • 20:38 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Österreich hat seit Kurzem eine neue Politikhoffnung. Nein, Sebastian Kurz hat ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner nicht über Nacht abgelöst, auch Eva Glawischnig ist trotz des parteischädigenden Streits mit den jungen Grünen noch in Amt und Würden. Es ist Dietrich Mateschitz, Red-Bull-Chef und laut Forbes reichster Österreicher, der mit seinem Wutbürger-Interview anscheinend vielen Menschen aus der Seele gesprochen hat.

Mateschitz ist zu seinem wirtschaftlichen Erfolg zu gratulieren. Red Bull zählt zu den bekanntesten Marken unserer Republik. Auch Mateschitz´ Bereitschaft, trotz der zahlreichen Möglichkeiten eines Weltkonzerns seine Steuern in seiner Heimat zu zahlen, sei an dieser Stelle ausdrücklich betont. Mit seinem Engagement mit ServusTV und der nun angekündigten neuen Rechercheplattform „Quo vadis veritas“ trägt er zur Verbreiterung der Öffentlichkeit und damit zur Stärkung der Demokratie bei. Auch wenn vor einem Jahr der kleinste Privatsender Österreichs wegen einer geplanten Betriebsratsgründung vor dem Aus stand. Niemand verlangt, einen Konzern nach demokratischen Regeln zu führen, doch auch umgekehrte Empfehlungen sollten mit Vorsicht genossen werden.

Mateschitz tappt bei seinen Vergleichen bereitwillig in die Falle. Das Banalisieren von Themen wie dem Streit ums Kopftuch, das Suggerieren von bewusstem Versagen der Politik bei den Grenzkontrollen, das Beschwören von Angst und Unterdrückung und der vermittelte Eindruck, dass es einfache Lösungen zugunsten aller gäbe: All das findet sich im Lehrbuch für Populisten ganz vorne.

Wirtschaftlicher Erfolg bedeutet nicht automatisch die Eignung für das politische Geschäft, man denke nur an Silvio Berlusconi, Frank Stronach oder Donald Trump. Staaten sind keine Unternehmen, öffentliche Haushalte nicht nach den Finanzregeln einer schwäbischen Großmutter zu führen und Bürger nicht als Kunden oder gar Werbezielgruppe zu betrachten. In der Politik geht es nicht primär um Fakten, Analysen, Planung und Umsetzung, wie Mateschitz seine Unternehmenstrategie umreißt, sondern um verschiedene Bedürfnisse, Kompromisse und das Managen von Ereignissen, die meist außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegen, aber dennoch nicht ignoriert werden können. Mateschitz kümmert sich um Liebhaber seines Energydrinks sowie von Extremsportarten. Jene, denen das nicht schmeckt oder gefällt, gehen ihn nichts an.

In der Politik gelten aber andere Regeln, Überflieger sind hier selten erfolgreich. Vielmehr geht es um Empathie, Zuhören, Hineindenken, Verhandeln, genau um jene Meinungen und Befindlichkeiten, für die Mateschitz in seinem Berufsleben keinen Platz sieht. In der Politik eindimensional ein Ziel zu verfolgen, kann funktionieren, kann aber auch schnurstracks in den Abgrund führen und Staaten wie Menschen mitreißen. In jedem Fall entspräche es nicht demokratischen Regeln.

In der Politik gelten andere Regeln, Überflieger sind hier selten erfolgreich.

kathrin.stainer-haemmerle@vn.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.