Brexit-Bombe

12.04.2017 • 20:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Seit die Briten mit der Anrufung des Artikel 50 im Vertrag von Lissabon unter dem Motto „Brexit means Brexit“ unwiderruflich die Taue zum europäischen Festland gekappt haben und die britischen Inseln langsam gen Westen, in den Sonnenuntergang treiben, bleibt doch eine Verbindung mit dem Kontinent: Der 1993 fertiggestellte 50 Kilometer lange Channel Tunnel (Tunnel sous la Manche), umgangssprachlich als „Eurotunnel“ bekannt, der das englische Folkestone mit dem französischen Coquelles bei Calais verbindet, der längste Unterwassereisenbahntunnel weltweit.

Ich erinnere mich, als seinerzeitiger London-Korrespondent der NZZ, plastisch an die vielfachen Ängste, welche der Tunnel zwischen den beiden sich nicht gerade innig liebenden Völkern ausgelöst hatte, denn „The Frogs“, wie die Engländer die Franzosen unter Anspielung auf deren skandalöse Essgewohnheiten nennen, und „Les Rosbifs“, wie die Franzosen die roastbeefverschlingenden Engländer herablassend bezeichnen: ein Einfallstor für europäische Barbaren, in lebhafter Erinnerung an die Invasionspläne von Nazi-Deutschland. Deshalb wurden in dem Milliarden-Bauwerk die ausgeklügeltsten Sicherheitsvorrichtungen installiert, weniger gegen die deutschen „Hunnen“, als gegen Terroristen und illegale Immigranten, die durch den Tunnel schlüpfen könnten. Und gegen Tiere, welche die Tollwut auf die britischen Inseln einschleppen und die scharfen britischen Quarantänegesetze für Haustiere buchstäblich unterlaufen würden: Gegen diese unerwünschten Kreaturen wurden von den tierliebenden Engländern elektrisch geladene Todesbarrieren errichtet. Der Tunnel markierte jedenfalls die Durchbrechung des natürlichen Burggrabens um die Festung England und das Ende der „splendid isolation“.

Wohlbekannt ist, dass die Idee einer Tunnelverbindung zwischen Inseln und Festland bereits auf das Jahr 1753 zurückgeht, suspekterweise lanciert von einem Franzosen (Nicolas Desmaret), und wer weiß, was der damals wohl im Sinne hatte. Der ebenfalls französische Bergwerksingenieur Albert Mathieu-Favier schlug 1802 vor, einen Pferdekutschenbetrieb in einem solchen Tunnel einzurichten, samt Belüftungskaminen. Allerdings durchkreuzte ein französisch-englischer Krieg diese friedliche Utopie und noch lange danach riefen die Engländer angesichts weiterer Tunnelprojekte: „We Britons must be seadogs not earthworms!“ (Wir Briten müssen Seehunde und nicht Erdwürmer sein); Petitionen gegen einen Tunnel erhielten zahlreiche Unterschriften.

Erst jetzt wurde allerdings ein Geheimplan britischer Militärstrategen bekannt, der bereits 1959 im Hinblick auf einen allfälligen Kanaltunnel ausgeheckt wurde, auf dem Höhepunkt der allgemeinen Nukleareuphorie (Großbritannien war seit 1952 Nuklearmacht) wurde allen Ernstes vorgeschlagen, im Falle einer sowjetischen Invasionsdrohung (Code: „Barbaren vor den Toren von Calais“) Nuklearmunition in den künftigen Tunnel zu schießen, denn die Explosionskraft von konventioneller Munition würde sich, so kalkulierte man, auf die lange Tunnelröhre verteilen und den Tunnel unversehrt lassen. Eine flüchtige handschriftliche Notiz auf den Geheimplänen warf die Frage von „Kollateralschäden“ in Form großflächiger Verstrahlung im Umfeld der Tunnelportale auf. Der Plan verschwand in der Schublade des Verteidigungsministeriums. Die Kollateralschäden durch den bevorstehenden Brexit sind den Briten offenbar noch nicht völlig bewusst.

Die Kollateralschäden durch Brexit sind den Briten nicht bewusst.

charles.ritterband@vn.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).