Türkei: Berichterstatter unter Druck

18.04.2017 • 20:46 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Das Foto zeigt Gstrein mit dem Prediger Fethullah Gülen in den 1990er-Jahren. Damals waren Gülen und Erdogan noch Weggefährten. 
Das Foto zeigt Gstrein mit dem Prediger Fethullah Gülen in den 1990er-Jahren. Damals waren Gülen und Erdogan noch Weggefährten. 

Warum die VN nicht mehr direkt aus dem Land berichten können.

schwarzach. Journalisten stehen in der Türkei seit dem gescheiterten Putschversuch zunehmend unter Druck. 155 Medienvertreter sind dort derzeit nach Angaben der unabhängigen türkischen Medienplattform P24 im Gefängnis. Nachdem am Sonntag eine knappe Mehrheit der Bürger der Einführung eines Präsidialsystems zugestimmt hat, rechnet die Organisation Reporter ohne Grenzen damit, dass die Situation für kritische Medien zukünftig sogar noch schwieriger wird.

Die Repressionen treffen in erster Linie türkische Journalisten. Doch auch für ausländische Korrespondenten ist die Zeit vorbei, als das Land als sicherer Arbeitsplatz galt. Der deutsch-türkische „Welt“-Berichterstatter Deniz Yücel sitzt seit Ende Februar in Untersuchungshaft. Zuvor waren Vertreter ausländischer Medien noch weitgehend sicher vor der Verfolgung der Justiz gewesen.

Auch die VN kann nicht mehr direkt aus der Türkei berichten. Korrespondent Heinz Gstrein wollte nach Ostern an seinen Standort Istanbul zurückkehren, wurde aber von vertraulicher und zuverlässiger Seite gewarnt, dass er bei seiner Ankunft am Flughafen oder an der türkischen Grenze mit einer Verhaftung rechnen muss. Offiziell geht es bei den Vorwürfen nicht um seine Berichterstattung in den VN. Gstrein wird aber augenscheinlich als „Fetö-Verschwörer“, also als Helfershelfer von Fethullah Gülen eingeschätzt. Der im US-Exil lebende Reformmuslim wurde von Präsident Recep Tayyip Erdogan nach dem Putschversuch zum Staatsfeind Nummer eins
erklärt. Tatsächlich hatte
Gstrein den Prediger im Februar 1997 im asiatischen Teil von Istanbul für ein Interview getroffen. Damals galten Gülen und Erdogan noch als Freunde.

In der heute verbotenen Tageszeitung „Zaman“, die der Gülen-Bewegung nahestand, berichtete der Redakteur Abdullah Aymaz von dem Treffen. Nach Aymaz wird als einem der angeblichen Hauptdrahtzieher des gescheiterten Versuchs zur Entmachtung Erdogans im Sommer 2016 gefahndet. Er soll sich nach Australien abgesetzt haben. Für die türkischen Staatsschützer ist dies offenbar Grund genug, auch Gstrein der Beteiligung oder zumindest der Beihilfe zum Putsch zu beschuldigen.

Wie Gstrein betont, liebt er die Türkei und schätzt das Land als seine zweite Heimat. Der Orient-Experte bleibt optimistisch: „Ich werde den Erdogan schon überleben.“ Bis auf Weiteres berichtet er für die VN aus der griechischen Hauptstadt Athen über den östlichen Mittelmeerraum.