Die Marseillaise

Politik / 26.04.2017 • 20:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Marseillaise, die französische Nationalhymne, feiert diese Woche ihren 225. Geburtstag. Aus der österreichischen Geschichtsperspektive übrigens ein eher zwiespältiges Musikstück, war es doch am 26. April 1792 im Zuge der Kriegserklärung an Österreich als „Kriegslied für die Rheinarmee“ entstanden – genannt Marseillaise, weil von Soldaten aus Marseille beim Einzug in Paris gesungen. Das Jubiläum der feurigen Hymne kommt gerade recht, da alle Augen auf Frankreich gerichtet sind: Den Wahlsieg des liberalen EU-Befürworters Emmanuel Macron in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl, dicht gefolgt von der Ultranationalistin und „Frexit“-Propagandistin Marine Le Pen.

 

Die Marseillaise ist mehr als nur eine Hymne, sie ist ein Fanal: Für la grande Nation als „Leuchtturm unter den europäischen Völkern“ wie es der Philosoph Peter Sloterdijk formulierte, Ursprungsland der Toleranz, der Aufklärung, der Menschenrechte, Nation einer Hochkultur. Doch auch die Guillotine, das erste effiziente Instrument zur Massentötung, lange vor den Gaskammern der Nazis, benannt nach dem französischen Arzt Joseph-Ignace Guillotin war eine französische Erfindung. Auf die Revolution mit ihren Gleichheitsidealen folgte das Kaisertum, folgte der größenwahnsinnige Napoleon mit seinen Eroberungsfeldzügen; und den opferbereiten Helden der Résistance im Zweiten Weltkrieg stand das mit den Nazis kollaborierende Vichy-Regime des Marschalls Pétain gegenüber und die französische Polizei, die widerspruchslos ihre jüdischen Mitbürger der Deportation und der Ermordung in Konzentrationslagern ausgeliefert hatte. La France ist eine Nation der extremen Gegensätze und diese haben auch die Wahl vom vergangenen Sonntag geprägt.

Voraussichtlich wird Frankreich, wird auch die EU mit einem blauen Auge davonkommen: Gegen Le Pen werden sich alle Wahlgegner zusammenschließen. Doch ganz ähnlich wie bei der jüngsten österreichischen Präsidentenwahl bedeutete der Urnengang einen Abgesang an die beiden etablierten Großparteien, die bürgerliche und die sozialistische. Le Pen ging aus der Wahl zwar als Nummer zwei hervor, doch sie ist deutlich stärker als zuvor. Der Ruf nach dem starken Mann – der starken Frau im Falle Frankreichs – erschallt in besorgniserregendem Maße auch in Österreich: 43 Prozent der Befragten sind laut der neuesten Umfrage für einen „starken Mann“ an der Spitze der Nation, erschreckende 23 Prozent gar für einen „starken Führer“. Schon vor Jahren war in der Wiener U-Bahn zu hören: „A klaaner Hitler miasset her.“ Aus dem kleinen Hitler könnte rasch ein großer werden, wenn es schlecht läuft. 2,5 Prozentpunkte waren eine hauchdünne Mehrheit für Macron und 54 Prozent überzeugt demokratische Österreicher sind nur wenig mehr als die Hälfte. Deutlich zu wenig.

La France ist eine Nation der extremen Gegensätze und diese haben auch die Wahl geprägt.

charles.ritterband@vn.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).