Ein Staat zwischen Stillstand und Aufbau

Politik / 09.06.2017 • 22:39 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Für Abdullah Krasniqi ist die Landwirtschaft der wichtigste Motor des Kosovo. Noch werden 80 Prozent der Nahrungsmittel importiert.  ADA
Für Abdullah Krasniqi ist die Landwirtschaft der wichtigste Motor des Kosovo. Noch werden 80 Prozent der Nahrungsmittel importiert.  ADA

Seit 2008 ist der Kosovo unabhängig. Am Sonntag wird in dem jungen Land gewählt.

Pristina. „Zum Wohl mitanand!“ Abdullah Krasniqi erhebt sein Glas, trinkt einen Schluck seines eigenen Weins – auf dem Etikett steht „Rizling“ – und betont, was er zu betonen nicht müde wird: In der Schweiz habe er viel Erfahrung gesammelt. Auch vom Dialekt ist dem Kosovaren ein bisschen etwas geblieben. 25 Jahre habe er im Kanton Zürich verbracht, zehn davon in Dällikon beim Brüderhof Günthardt. Vor vier Jahren ist Krasniqi in sein Heimatland zurückgekehrt.

Damals stand er vor dem Nichts. Sein Heimatort Maqiteve, der im Süden des Kosovos liegt, wurde ausgelöscht, Männer erschossen, Frauen und Kinder in ihren Häusern verbrannt. Ein dunkles Kapitel liegt hinter dem jungen Land, das noch heute mit den Folgen jahrelanger Unterdrückung und des Krieges zu kämpfen hat. Es ist ein Staat im langsamen, doch ständigen Aufbau. Fast jeder Blick streift eine Baustelle. Ein neues Gebäude nach dem anderen wird aus dem Boden gestampft.

Alltägliche Korruption

Dennoch bleibt der Kosovo eines der ärmsten Länder Europas. 27,5 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos, knapp 30 Prozent der Menschen leben von weniger als 2,25 Euro pro Tag. Die Korruption durchdringt den jungen Staat. Sie behindert faire Vergabeverfahren von Bauprojekten, äußert sich in Postenschacherei und reicht bis ins Gesundheitssystem. Innenpolitisch hangelt sich das seit 2008 unabhängige Land von einer Krise in die nächste. Am Sonntag wird nach monatelangem Stillstand neu gewählt. Vorhaben wie die Grenzziehung zum Nachbarn Montenegro und die staatsrechtliche Organisation der serbischen Minderheit blieben auf der Strecke und damit auch die von der EU in Aussicht gestellte Visa-Liberalisierung für die Kosovaren.

Landwirtschaft als Motor

Dass sich mit dem 11. Juni etwas ändern wird, glauben wenige. Auch Abdullah Krasniqi nicht. Er konzentriert sich ohnehin lieber auf seinen Hof. Diesen hat er in den vergangenen Jahren sukzessive ausgebaut. Es gebe genug zu tun, sagt der Bauer. Mit einer Starthilfe von 12.400 Euro der Austrian Development Agency (ADA) erweiterte er nicht nur seine Anlage, den Anbau von „Rüabli, Kartoffeln, Randi und und und“ sowie seine Hühnerzucht. Krasniqi fand immer mehr Kleinbauern, deren Eier er täglich kauft, abholt, verpackt und vertreibt. „Die Landwirtschaft ist der wichtigste Motor für den Kosovo“, meint der 54-Jährige. Allerdings werden noch heute 80 Prozent aller Nahrungsmittel in das Land importiert. Wirtschaftlich erlebt der Kosovo zwar einen steten Aufschwung. Die Wachstumsraten liegen derzeit bei über drei Prozent. Hauptmotor bleiben aber die Transferleistungen der Auslandskosovaren in ihre Heimat. Diese Gelder machen bis zu 20 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Staatliches Kapital sowie die Unterstützung internationaler Geber sind ein weiteres Standbein des Staates. Wachstumsbranchen wie der Bau- und Dienstleistungssektor werden durch mangelhafte Verwaltungsstrukturen gehemmt. Die Arbeitsplätze fehlen. Wenn es sie gibt, mangelt es an Ausbildungsmöglichkeiten für die Jugendlichen. Immerhin ist die Hälfte der Bevölkerung unter 30 Jahre alt.

Praxiserfahrung in der Schule

Viele Kosovaren wollen mehr arbeiten, sagt Krasniqi. Sie müssten das Handwerk allerdings zuerst lernen können. Im Kleinen geschieht dies bereits; nämlich etwas mehr als eine Stunde Fahrtzeit von Krasniqis Farm entfernt.

In Pristina wird mit dem Projekt ALLED daran gearbeitet, Bildungsprogramme für Pflichtschulabsolventen auf- und auszubauen. Diese orientieren sich an den Bedürfnissen der lokalen Wirtschaft. „Die meisten Arbeitskräfte werden im Bereich der Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung gebraucht“, erklärt Mergim Mestani, Lehrer der Trainingsschule „Abdyl Frasheri“. Sie gehört zu jenen Ausbildungsstätten, deren Einrichtung von der ADA und der EU gefördert werden. Ziel ist es, den Schülern in der zehnten, elften und zwölften Schulstufe Praxiserfahrung mitzugeben. Die Jugendlichen, die „Abdyl Frasheri“ besuchen, arbeiten in Treibhäusern und Labors, die mit den Subventionen errichtet oder ausgestattet wurden. In dieser, mit einer überbetrieblichen Lehranstalt vergleichbaren Einrichtung lernen die Schüler im Kreislauf vom Anbau bis hin zur Milch-, Obst- und Gemüseverarbeitung zu arbeiten und sammeln Erfahrungen für den Arbeitsmarkt.

Krasniqi hat all das während seines Aufenthalts in der Schweiz mitbekommen: „Mein größtes Verkaufsargument ist die Erfahrung“, hält er fest. Er erinnere sich gerne an seine Zeit in Dällikon. „Für mich war aber immer klar, dass ich wieder in den Kosovo zurückkehre.“ Der Stolz des 54-Jährigen ist unverkennbar. Sein Arbeitswille auch. Er möchte nicht nur Eier, sondern künftig auch Milch im größeren Stil produzieren, Kleinbauern das Gemolkene abnehmen und vertreiben. Bei sich am Hof hat er zudem ein kleines Gästehaus in Planung. Drei Zimmer sind schon gebaut, auch ein kleines Esszimmer mit Ausblick auf einen dichten Wald. Früher hätten die Familien versucht, sich dort vor Kämpfern zu verstecken, nichts zu essen gehabt und sich von den Blättern des Waldes ernährt, zeigt Krasniqi auf die grüne Weite gegenüber von seinem Hof. „Jetzt müssen wir den Menschen mitteilen, dass der Krieg gegangen ist und auch nicht mehr wiederkommt.“ Es sei an der Zeit, das zu nutzen, was das Land zu bieten habe. Mit der Landwirtschaft könne die Bevölkerung den Kosovo nach vorne bringen. „Langsam lauft‘s“, sagt Krasniqi.

Es fehlt nicht nur an Arbeitsplätzen, sondern auch an Ausbildung: Eine Art Übungslehranstalt soll Abhilfe leisten.  ENTNER
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Wahlkampf: Die PDK, die aus der früheren Rebellenbewegung UCK hervorging, kann mit einem Sieg rechnen.  AP
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Stichwort

Der Kosovo ist ein Schwerpunktland der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Anfänglich konzentrierte sich die Kooperation auf die Basisinfrastruktur (Wasser, Straßen), später vermehrt in Bereichen wie Bildung sowie Demokratisierung und Menschenrechte. Die Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (ADA) führte von 2008 bis 2015 Projekte von insgesamt 17,1 Millionen Euro durch. Die gesamten öffentlichen Entwicklungshilfeleistungen Österreichs – also inklusive Ministerien, Ländern, Städten und Gemeinden – machten im Kosovo im selben Zeitraum 85,6 Millionen Euro aus. Weltweit betrugen die gesamten öffentlichen Entwicklungshilfeleistungen Österreichs von 2008 bis 2015 über vier Milliarden Euro.