Eltern und Lehrer haben nun das letzte Wort

Politik / 19.06.2017 • 22:29 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Wissenschaftsminister Mahrer (v.l.), Bildungsministerin Hammerschmid und Grünen-Mandatar Walser einigten sich auf die Bildungsreform.  APA
Wissenschaftsminister Mahrer (v.l.), Bildungsministerin Hammerschmid und Grünen-Mandatar Walser einigten sich auf die Bildungsreform.  APA

SPÖ, ÖVP und Grüne fixieren Bildungsreform. Kompromiss für Modellregionen gefunden.

Wien. Das Lachen der Bildungsministerin schallte am Montag durch die Säulenhalle des Parlaments: “Sie können sich gar nicht vorstellen, wie groß die Freude ist”, sagte Sonja Hammerschmid (SPÖ). Gemeinsam mit Wissenschaftsminister Harald Mahrer (ÖVP) und dem grünen Bildungssprecher Harald Walser konnte sie nach “sehr intensiven neun Monaten” endlich ein Ergebnis präsentieren. Die Bildungsreform ist fixiert. Läuft alles nach Plan, wird sie heute, Dienstag, im Unterrichtsausschuss und Ende des Monats im Nationalratsplenum beschlossen.

Die Reform umfasst knapp 190 Seiten an gesetzlichen Änderungen. Demnach können sich zum Beispiel einzelne Standorte zu Clustern zusammenschließen und ihre Ressourcen gemeinsam nutzen. Schul- beziehungsweise Clusterleiter sollen mehr Gestaltungsfreiheit erhalten. Auch werden Modellregionen zur gemeinsamen Schule ermöglicht. Im September 2020 soll die gesetzliche Basis dafür in Kraft treten. Die Modellregionen dürfen bundesweit nicht mehr als 15 Prozent der Schüler oder Schulen umfassen. In Vorarlberg wäre eine flächendeckende Einführung der gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen somit möglich. Eltern und Lehrer müssten aber zustimmen, ob sie überhaupt Teil einer solchen Modellregion werden wollen. Dabei ist eine einfache Mehrheit erforderlich. “Die Hartnäckigkeit von uns Grünen hat sich gelohnt, ein historischer Durchbruch ist geschafft”, reagierte der Vorarlberger Parteichef Johannes Rauch auf diese Einigung.

Mandatar Harald Walser markierte den 19. Juni gleich als das Ende einer hundertjährigen Bildungsblockade in seinem Kalender. Nach Vorarlberg habe es auch der Bund geschafft, aus der Ideologiefalle herauszukommen.

Laut Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) geht es nun darum, den Zeitplan für die Gesamtschule wie vorgesehen umzusetzen und die pädagogischen, organisatorischen sowie finanziellen Voraussetzungen dafür zu erarbeiten. Erst 2025, wenn all das geschafft sei, werde man sich mit der Frage nach einer möglichen Systemumstellung beschäftigen. 

Überzeugungsarbeit nötig

Ob die Modellregion kommen wird, liegt am Ende ohnehin bei den Eltern und Lehrern. Gernot Schreyer, Vorsitzender des Bundeselternverbands an den mittleren und höheren Schulen, zeigte sich bereits skeptisch, dass die notwendigen Mehrheiten erreicht werden. Überzeugungsarbeit wird vor allem an den AHS-Standorten nötig sein. Laut den Ergebnissen des Forschungsprojekts sind dort 45 Prozent der Eltern für die Gesamtschule, 21 Prozent wollten sich noch nicht festlegen. Das Ergebnis der Lehrerbefragung fiel noch deutlicher aus. Nur 25 Prozent der AHS-Pädagogen unterstützen den Vorschlag, dass es “von der 5. bis zur 8. Schulstufe grundsätzliche eine Schule für alle” gibt. 18 Prozent sind unentschlossen. Die Ergebnisse an den Volks- und Neuen Mittelschulen sehen hingegen ganz anders aus. Dort ist die Unterstützung für die Modellregion eindeutig.

Die Einigung ist prinzipiell zu begrüßen, die Einrichtung einer flächendeckenden Modellregion scheint möglich. Doch genauso wichtig ist: Die pädagogische Arbeit muss sofort laufen, und wir brauchen die notwendigen Ressourcen.
              Karin Dorner, 54,
            
              Volksschule Hard Markt

Die Einigung ist prinzipiell zu begrüßen, die Einrichtung einer flächendeckenden Modellregion scheint möglich. Doch genauso wichtig ist: Die pädagogische Arbeit muss sofort laufen, und wir brauchen die notwendigen Ressourcen.

Karin Dorner, 54,

Volksschule Hard Markt

Von der Bildungsreform als Ganzes halte ich nicht so viel. Positiv finde ich, dass eine Modellregion nun kommen darf. Denn eines ist klar: Die Trennung der Kinder mit neuneinhalb Jahren ist einfach nicht sinnvoll und pädagogisch falsch.
              Christoph Wund, 53,
            
              VS Lustenau Kirchdorf

Von der Bildungsreform als Ganzes halte ich nicht so viel. Positiv finde ich, dass eine Modellregion nun kommen darf. Denn eines ist klar: Die Trennung der Kinder mit neuneinhalb Jahren ist einfach nicht sinnvoll und pädagogisch falsch.

Christoph Wund, 53,

VS Lustenau Kirchdorf

Ich finde es im Zusammenhang mit der Modellregion eigenartig, dass man über etwas, was Experten schon für gut befunden haben, noch einmal an den Standorten abstimmen soll. Man sollte sich trauen, Nägel mit Köpfen zu machen.
              Christian Grabher, 55, 
            
              Mittelschule Hard Markt

Ich finde es im Zusammenhang mit der Modellregion eigenartig, dass man über etwas, was Experten schon für gut befunden haben, noch einmal an den Standorten abstimmen soll. Man sollte sich trauen, Nägel mit Köpfen zu machen.

Christian Grabher, 55,

Mittelschule Hard Markt

Die Reform ist ein Hoffnungsschimmer. Schade, dass es für jene, die bei der Modellregion nicht mittun wollen, immer noch ein Schlupfloch gibt. Ich hoffe, es gelingt, die Vorteile einer gemeinsamen Schule auch an den AHS aufzuzeigen.
              Gudrun Brunner (59), 
            
              Mittelschule Höchst

Die Reform ist ein Hoffnungsschimmer. Schade, dass es für jene, die bei der Modellregion nicht mittun wollen, immer noch ein Schlupfloch gibt. Ich hoffe, es gelingt, die Vorteile einer gemeinsamen Schule auch an den AHS aufzuzeigen.

Gudrun Brunner (59),

Mittelschule Höchst

Ich halte die gesamte Bildungsreform nicht für den großen Wurf. Aber immerin ist etwas passiert. Vieles an der Reform ist gut gemeint, aber ohne zusätzliche Mittel werden die angekündigten Schwerpunkte nicht zu verwirklichen sein.
              Thomas Mittelberger (61), 
            
              BG Gallusstraße Bregenz

Ich halte die gesamte Bildungsreform nicht für den großen Wurf. Aber immerin ist etwas passiert. Vieles an der Reform ist gut gemeint, aber ohne zusätzliche Mittel werden die angekündigten Schwerpunkte nicht zu verwirklichen sein.

Thomas Mittelberger (61),

BG Gallusstraße Bregenz

Prinzipiell ist es zu begrüßen, dass es zu einer Einigung bei der Bildungsreform gekommen ist. Bei der Modellregion müssten alle AHS-Standorte ihr Einverständnis erklären. Ich finde es gut, dass die Standorte mitentscheiden dürfen.
              Reinhard Sepp (53), 
            
              BRG Dornbirn Schoren

Prinzipiell ist es zu begrüßen, dass es zu einer Einigung bei der Bildungsreform gekommen ist. Bei der Modellregion müssten alle AHS-Standorte ihr Einverständnis erklären. Ich finde es gut, dass die Standorte mitentscheiden dürfen.

Reinhard Sepp (53),

BRG Dornbirn Schoren

Die Eckpunkte der Bildungsreform

Schulcluster: Künftig sollen sich bis zu acht Pflicht- und/oder Bundesschulen in Clustern zusammenschließen können. Ein Cluster umfasst zwischen 200 und 2500 Schüler. Die Clusterleitung übernimmt die Aufgaben der bisherigen Schulleitungen. Ressourcen sollen besser genutzt und frei werdende Gelder unter anderem in Förderangebote oder Teamteaching investiert werden. Lehrer können an mehreren Clusterschulen unterrichten. Eine Clusterbildung geschieht freiwillig und in Absprache mit dem Zentralausschuss der betroffenen Schule. Pflicht wird der Cluster nur, wenn eine Kleinschule auf anderem Weg nicht mehr zu erhalten ist.

 

Autonomie: Die Schul- bzw. Clusterleitung kann Klassen- und Gruppengrößen künftig flexibel gestalten. Um das Verhältnis Schüler pro Lehrer zu sichern, wird eine Landesdurchschnittszahl der Schüler je Klasse im Verfassungsrang festgehalten. Je nach Schultyp sind dies durchschnittlich 25. In Sonderschulen rund 13. An der Gesamtunterrichtszeit wird sich nichts ändern, allerdings dient die 50-Minuten-Stunde nur noch als Berechnungsgröße. Die Dauer von Unterrichtseinheiten kann flexibler gestaltet werden. Ebenso können die Öffnungszeiten von Schule zu Schule variieren.

 

Personalauswahl: Der Schul- bzw. Clusterleiter wählt neu hinzukommende Lehrpersonen selbstständig aus. Seine Bestellung läuft nach einem einheitlichen Verfahren.

Schulressourcen/Chancenindex: Die geltenden Finanzierungsschlüssel für die Stellen-/Lehreranzahl an Bundes- und Landesschulen bleiben gleich. Zuschläge werden für ganztägige Schulformen oder Sprachkurse gewährt. Schulen mit besonderen Herausforderungen sollen künftig mehr Geld erhalten. Dies wird anhand eines Sozialindex berechnet. Hinzu kommt, dass Bundes- und Landeslehrer erstmals über ein einheitliches System erfasst und abgerechnet werden.

 

Bildungsdirektionen: Getrennte Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern bleiben bestehen. Die Verwaltung soll allerdings unter einem Dach erfolgen. Die Landesschulräte werden zu Bildungsdirektionen, der amtsführende Präsident wird zum Bildungsdirektor. Er ist in Angelegenheiten des Landes dem Landeshauptmann und in Angelegenheiten des Bundes dem Bildungsressort unterstellt.

 

Modellregion: 15 Prozent aller Schüler von der 5. bis 8. Schulstufe bzw. der jeweiligen Schulart dürfen Teil einer gemeinsamen Schule werden. Lehrer und Eltern müssen zustimmen: Die Lehrer im Rahmen der Lehrerkonferenzen, die erst beschlussfähig sind, wenn zwei Drittel der Pädagogen anwesend sind. Nötig ist dann eine einfache Mehrheit. Auch bei den Eltern muss eine einfache Mehrheit erreicht werden. Nötig ist dabei aber zusätzlich eine Mehrheit von einem Drittel der insgesamt Abstimmungsberechtigten.