Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Fake-News? SPÖ: Gefällt mir!

Politik / 21.07.2017 • 22:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Gute Nachrichten über den eigenen Kandidaten sind nicht genug. Selbsterhöhung durch Herabsetzung des politischen Gegners. Überraschenderweise bedient sich nun ausgerechnet die SPÖ der Klaviatur der schmutzigen Tricks im Internet – einer Domäne, die bisher der FPÖ vorbehalten war.

Grundproblem ist, dass auf Facebook die Quelle einer Nachricht völlig in den Hintergrund gerät, wie auch der kürzlich veröffentlichte Reuters-Journalismusreport der Universität Oxford zeigt. Menschen verwechseln, woher eine Geschichte auf Facebook kommt, wer sie recherchierte oder schrieb, welchen Zweck der Autor verfolgt. Alles sieht aus, als wär’s amtlich. Nachfragen? Fehlanzeige.

Fake-News sind so einfach unters Volk zu bringen wie noch nie. In Österreich produziert neben den FPÖ-nahen Parteimedien „Unzensuriert“ und dem „Wochenblick“ neuerdings auch die SPÖ Nachrichten, wie es ihr gefällt. Eingeschossen hat man sich vordergründig auf den, der Kanzler Christian Kern den Rang abzulaufen droht: Sebastian Kurz.

So sehen derzeit auch viele auf Facebook geteilten (und noch heftiger beworbenen) Geschichten insbesondere über ÖVP-Kandidat Sebastian Kurz zwar aus, als kämen sie aus journalistischen Nachrichtenquellen – sie sind es aber nicht.

Tatsächlich sind die Webseiten „Kurz-Nachgerechnet“, wie auch der „Kontrast-Blog“ und „Politiknews“ allesamt für den Wahlkampf konstruierte Werbe-Webseiten, die wie Nachrichtenmedien aussehen – und deren Pflichtimpressum bei genauem Hinschauen im konkreten Fall mehr oder weniger direkt jeweils zur SPÖ führt.

Der Unterschied zu Inhalten aus den Redaktionen Ihres Vertrauens: In sozialen Medien werden Inhalte nicht auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft – Bilder, vermeintliche Zitate und „Nachrichten“ verbreiten sich in Windeseile. Jemanden anpatzen? Gerüchte verbreiten? Weltverschwörung? Willkommen im Facebook, dem großen Lügenbiotop.

Der schmutzige Wahlkampf im Netz schwappt jedoch über die Grenzen Facebooks. „Sebastian Kurz’ andere Seite – was er nicht will, dass du über ihn weißt. Mach dir selbst ein Bild!“. Diese doppeldeutigen Werbebotschaften des „Kontrast-Blogs“ sieht unter anderem, wer nach „Sebastian Kurz“ auf Google sucht.

„Politiknews“ provoziert die Neo-Türkisen erfolgreich, indem Aussagen von Sebastian Kurz’ Reden mit Sätzen aus dem Ikea-Katalog verglichen werden. „Hätte Kurz den IKEA-Katalog schreiben können?“ Ansonsten veröffentlicht „Politiknews“ zuverlässig alles, was gegen ÖVP, FPÖ – aber niemals gegen das Weltbild der SPÖ geht. Pseudo-Nachrichten mit Drall, perfekt aufbereitet zum ungeprüfen Vervielfältigen auf Facebook und Twitter.

In der ÖVP-Zentrale ist man sich der Ohnmacht bewusst. Zwar hat Bundeskanzler Christian Kern nur ein Drittel der Facebook-Fans von Sebastian Kurz – doch mit dem Einsatz von Werbegeld lassen sich die Nachrichten-Feeds der Österreicher mit SPÖ-Nachrichten bestücken. Seit Kurz Parteiobmann ist, hätte allein die SPÖ 200.000 Euro investiert, um sogenanntes „Negative Campaigning“ zu betreiben, rechnet die ÖVP vor. Allein die SPÖ-Werbeausgaben auf Facebook und Google schätzt man bei der ÖVP auf 55.000 Euro monatlich.

Der Wahlkampf hat noch nicht mal richtig begonnen, ist schon klar: Es wird schmutzig.

gerold.riedmann@vn.at, Twitter: @gerold_rie, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.