Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Reden ist Silber

Politik / 11.10.2017 • 22:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Springtime for Hitler“ (“Frühling für Hitler”) war der Titel einer satirischen Filmkomödie von Mel Brooks (1968) und auch Österreichs Antisemiten feiern fröhliche Urständ´. Dieser Boom hat einen Namen: Silberstein. Gauner gibt es bekanntlich überall, und hätte jener Silberstein beispielsweise Figlmoser oder Hinterhuber geheißen, das wäre natürlich sehr ärgerlich gewesen, aber niemand würde auf die Idee kommen, sämtliche Steirer oder Tiroler pauschal zu geldgierigen Kriminellen zu erklären. Mit „den Silbersteins“ ist das bekanntlich anders. Denn der Ursprung dieses Namens ist eindeutig einer ganz bestimmten Religionsgemeinschaft zuzuordnen.

Was meinte wohl Sebastian Kurz, als er kürzlich in Graz verkündete, am 15. Oktober werde nicht nur eine Nationalratswahl, sondern auch eine Volksabstimmung darüber stattfinden, ob „wir die Silbersteins in Österreich wollen“. Meinte er „ob wir die Juden in Österreich wollen“? Und was meinte Peter Pilz wenn er kurz darauf sagte: „Wenn wir diese Republik Silberstein-frei machen wollen….“? Solche Formulierungen wecken unweigerlich üble Erinnerungen: Will etwa Pilz Österreich „judenrein“ machen – wie damals? Sowohl Kurz als auch Pilz sind hochintelligente, erfahrene Politiker. Sie wissen genau was sie sagen – und wie sie es sagen. Oder?

Kurz hatte im Außenministerium einen überaus herzlichen Empfang zum Jüdischen Neujahr für die Exponenten des Wiener Judentums gegeben. Umarmung des jüdischen Bürgertums – und zugleich Signale an die extreme antisemitische Rechte, deren Stimmen er nicht Strache überlassen möchte? Und dieser Strache spielt eine raffinierte Doppelstrategie: In der TV-Konfrontation mit Kurz warnte Strache vor dem mit den arabischen Flüchtlingen „importierten“ Antisemitismus – denn die FPÖ will sich ja als respektable Partei der rechten Mitte positionieren. Zugleich warf er Kurz aggressiv vor, die ÖVP lasse sich von Georg Muzicant finanzieren und sprach düster von „Vernetzungen und Verstrickungen“. Jeder in diesem Land weiß, wer Muzicant ist. Das sind unzweideutige Signale ans rechtsextrem-antisemitische Lager, das er bei der Stange halten will – denn im Klartext spricht Strache hier den alten Mythos von der „jüdischen Weltverschwörung“ des „jüdischen Großkapitals“ an. Dass er, auch dies eine Chiffre unter Eingeweihten, ganz in der Tradition Jörg Haiders, den Namen Muzicant als „Mutzicant“ und nicht „Musikant“ ausspricht, erscheint als unwichtiges Detail, ist aber genauso ein Signal an jene treuen Gefolgsleute aus dem braunen Sumpf. Dass sich aber der vermutlich künftige Kanzler auch nur dem Verdacht aussetzt, Signale an jene üblen Burschen zu senden, ist unbedacht – oder verwerflich. Reden ist Silber, Herr Kurz, Schweigen Gold, besonders bei heiklen Themen.

„Strache spielt eine raffinierte Doppelstrategie.“

Charles
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).