Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Sexuelle Belästigung: Sieben Punkte für Klarheit

Politik / 06.11.2017 • 22:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Am Ende war bei Peter Pilz vor allem Wehleidigkeit. Bei seinem Rücktritt wegen Vorfällen von sexueller Belästigung am vergangenen Samstag (am Montag erklärte Pilz dann, er sei sich „nicht der geringsten Schuld bewusst“ und werde bis Mittwoch endgültig über sein Nationalratsmandat entscheiden) ließ der Politiker auch tief in eine gekränkte Männerseele blicken – man muss sich ja erst einmal in dieser komplizierten Welt zurechtfinden.

„Ich bin einer dieser älteren, mächtigen Männer, die zum Teil noch aus anderen politischen Kulturen kommen. Ich bin politisch kein besonders korrekter Mensch und ich werde es wahrscheinlich auch nimmer. Ich habe eine bestimmte Lebensart. Die finden die einen ganz okay und andere sagen: Nein, so tut man das nicht. Wir älteren und in meinem Fall noch – gerade noch – mächtigen Männer müssen bereit sein, auch etwas dazuzulernen“, sagte Pilz. Von manchen anderen Mitgliedern der Neigungsgruppe „ältere, mächtige Männer“ für diese „Einsicht“ am Samstag noch beklatscht, von vielen Frauen für die Art und Weise seiner Erklärung kritisiert. Der Fall Pilz zeigt die Verwirrung rund um das leider alltägliche Thema der sexuellen Belästigung – also hier eine notwendige Klarstellung.

1. Nicht alle Männer sind Belästiger. Es gibt zahlreiche Männer quer durch Bildungs- und Einkommensschichten, die sexuell übergriffig werden, weil es das System – gerade in beruflichen Abhängigkeitsverhältnissen – erlaubt. Es gibt allerdings viele Männer, die das nie tun würden.

2. Nein heißt Nein. Wenn sich eine Frau gegen Avancen wehrt, gibt es keine Debatte. Ganz egal, ob sie laut herumschreit oder eingeschüchert sagt: Ich will das nicht.

3. Eine Frage der Macht. „Alles im Leben dreht sich um Sex, nur nicht der Sex. Der dreht sich um Macht.“ Ein Zitat von US-Präsident Francis Underwood in der Serie „House of Cards“, ausgerechnet von Kevin Spacey dargestellt, gegen den jetzt zahlreiche Vorwürfe sexueller Übergriffe auf junge Männer erhoben werden. Zumindest das sollte klar sein: Bei sexueller Belästigung geht es nicht um Sex, einen Flirt – es geht um Macht.

4. Die Unschuldsvermutung gilt. Übrigens auch für ältere, mächtige Männer. Sie sollen sich zu Vorwürfen, die in der Öffentlichkeit landen, auch äußern können.

5. Opferschutz hat Priorität. Warum Frauen, die Opfer von Übergriffen wurden, oft viel später oder gar nicht dazu aussagen? Scham, Angst vor Konsequenzen, öffentliche Demütigung. Man muss nur den Schmutz in den sozialen Medien lesen, um das zu verstehen.

6. Strafbarkeit ist nicht der Punkt. Sexuelle Belästigung ist immer eine Frage des mangelnden Anstands, nicht immer eine des Strafrechts.

7. Mit „politischer Korrektheit“, von der Peter Pilz spricht, hat ein anständiger Umgang mit Frauen gar nichts zu tun.

„Bei sexueller Belästigung geht es nicht um Sex, einen Flirt – es geht um Macht.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt

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