Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Nutzungsberechtigt sind wir alle

09.02.2018 • 19:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

300.000 Menschen leben im Rheintal. Heute trennt der Rhein, beidseits flankiert von Autobahnen, messerscharf das Tal. Das schnurgerade Rennstrecken-Design bringt Geschiebeprobleme, aber auch Hochwassergefahr mit sich. „Rhesi“ will das kitten.

Durch einen Staatsvertrag geregelt, kümmern sich beide Seiten in dem Projekt, das Jahrzehnte dauert, um die Hochwassersicherheit. Nun haben 90 Koblacher „Nein“ gesagt, dem Wasser etwas mehr Platz zu geben.

Vorneweg. Wir haben es hier nicht mit 90 Galliern zu tun, die ihr Dorf verteidigen. Es geht bei Rhesi um eine gemeinsame Kraftanstrengung, um hüben wie drüben entscheidende Fortschritte bei Hochwassersicherheit, Ökologie und Freizeitwert des Rheins zu machen. Und in Koblach fehlte es offenbar an Interesse: über 400 stimmberechtigten Mitbürgern war das Thema egal. Sie erschienen nicht zu der Sitzung, bei der sich dann 90 Koblacher gegen den für Rhesi notwendigen Grundtausch und die Dammabrückung entschieden.

Mit der Abstimmung unter Koblacher Landwirten und sonstigen sogenannten „Nutzungsberechtigten“ ist im ganzen Land das passiert, was den Verantwortlichen jahrelang nicht gelungen ist: die ewig entfernt erscheinende Rheinmodernisierung ist endlich bei den Menschen angekommen. Sehr emotional sogar, wie die Reaktionen zeigen.

Rhesi ist ein Projekt in fragilem Gleichgewicht, muss man wissen. Zwischen Bern und Wien, zwischen den direkt angrenzenden Regionen, vor allem aber den Gemeinden im Rheintal. Wenn sich die eine Gemeinde auf stur stellt, fragen sich alle andern, warum sie sich verausgaben.

Jeder, der schon einmal den Rheindamm entlanggeradelt ist, mutiert dieser Tage zum Hochwasserexperten. Das heißt aber nicht, dass jeder aus seiner Perspektive recht hat – auch nicht jene 90 der nur 122 Anwesenden in Koblach. Insgesamt wären’s ja 524 Nutzungsberechtigte. Die Koblacher Gemeindevertretung hat nun alle Möglichkeiten, doch noch das große Ganze zu sehen.

Bei Projekten in höherem Interesse wie Hochspannungsverbindungen, Hochgeschwindigkeitsbahntrassen und eben auch Flussregulierungen ist niemals davon auszugehen, dass diejenigen, die ihre Gartenhäuschen, ihre Felder oder ihre Gartenbeete aufgeben müssen, das gerne tun.

Es geht im konkreten Fall um den Hochwasserschutz für Menschen und ihre Arbeitsplätze, auch in zig Industriegebieten, die heute hochwassergefährdet sind. Um das verständlich zu machen, malen einzelne Gemeinden Karten, in denen potenzielle Überschwemmungsgebiete markiert werden. Es werden Fotomontagen mit meterhohen Fluten erstellt. Nützen tut’s wenig. Ein Rheinhochwasser ist abstrakt geworden. Es ist halt wie so oft: Manche glauben’s erst, wenn’s zu spät ist.

Deshalb ist von den politischen Entscheidungsträgern nicht nur die Weitsicht gefordert, ein solches Projekt zu planen, sondern auch die Durchsetzungskraft, wenn es ungemütlich wird, nicht beim ersten Lüfterl zu erschaudern.

Es gibt nämlich nicht nur 90 Nutzungsberechtigte am Rhein, oder 524 – sondern 300.000. Wir alle.

„Die Koblacher Gemeindevertretung hat nun alle Möglichkeiten, doch noch das große Ganze zu sehen.“

Gerold Riedmann

gerold.riedmann@vn.at

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Twitter: @gerold_rie

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.