Nabelschau

Politik / 14.02.2018 • 22:56 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Nabelschau – auf Griechisch „omphaloskepsis“, bedeutet laut Duden „übertriebene, narzisstische Beschäftigung mit sich selbst“. Was nun aber die FPÖ in der Druckwelle der üblen Germania-Affäre mit der Einsetzung einer Historikerkommission initiiert hat, ist die längst überfällige Untersuchung ihrer eigenen Vergangenheit. Die SPÖ hatte bereits 2005 eine derartige Kommission eingesetzt – mit beschämenden, ja skandalösen Ergebnissen: Aus Mangel an qualifiziertem Personal hatte die SPÖ skrupel- und prinzipienlos im braunen Nazi-Sumpf gefischt und (mit anderen Parteien) dafür gesorgt, dass die NS-Mentalität auch in der Zweiten Republik Fuß fassen konnte. Der Übelkeit erregende Fall des mutmaßlichen NS-Schwerverbrechers und Euthanasie-Kinder-Massenmörders Heinrich Gross, dem von der damaligen SPÖ-Wissenschaftsministerin Firnberg noch 1975 das Ehrenkreuz 1.Klasse (!) überreicht wurde, ist der prominenteste durch die SPÖ-Historikerkommission offengelegte Skandal. Auch die ÖVP hatte mit ihrer Untersuchung von CV und MKV Aufschlüsse vermittelt.

Dass die FPÖ-Kommission auch nur annähernd so viel bringen könnte, darf bezweifelt werden. Geleitet wird sie von Wilhelm Brauneder, einem früheren FPÖ- Nationalratspräsidenten und in der Wolle gefärbten Freiheitlichen. Brauneder ist wohl kein FPÖ-Hardliner. 1987 musste er sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, als Dekan des Juridicums der Uni Wien eine Veranstaltung zugelassen zu haben, an welcher der deutsche Rechtsextremist Oberlercher auftrat; im Publikum saß unter anderem der Neonazi Küssel.

Die FPÖ hat nach Germania allen Grund, sich als Regierungspartei schleunigst vom Odium der NS-Verherrlichung, der Deutschtümelei und des Antisemitismus zu befreien und sie als Anhängerin von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit zu profilieren. FPÖ-Klubchef Rosenkranz betonte, jegliche Verharmlosung des nationalsozialistischen Gedankenguts habe in der Partei (künftig?) keinen Platz. Vage kündigte er eine Zusammenarbeit mit dem DÖW an. Doch schon verfiel der Scharfmacher Johann Gudenus, geschäftsführender FPÖ-Klubobmann, wieder in die altbekannte Terminologie: „Mit hysterischer Gesinnungspolitik“ werde „eine erfolgreiche Partei madig gemacht“. Das passt natürlich nicht in die proklamierte schonungslose Aufarbeitung der FPÖ-Vergangenheit. Zudem denken die Burschenschaften nicht daran, ihre Archive für die Kommission zu öffnen. Eine Untersuchung in eigener Sache, durchgeführt von loyalem eigenen Personal, begleitet von den üblichen Abwehrreflexen: Also doch nur Nabelschau – als PR-Übung unschwer erkennbar.

„Dass die FPÖ-Kommission auch nur annähernd so viel bringen könnte, darf bezweifelt werden.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).