In Geiselhaft

02.04.2015 • 20:12 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ja, ja, nun werden die Wunden geleckt, die der Gemeindewahlkampf geschlagen hat. Und manchmal bleiben Narben. Auf den Wochenmärkten kann man tatsächlich wieder Gemüse kaufen. Man kommt nicht mehr mit Kugelschreibern und Feuerzeugen nach Hause, wenn man eigentlich Karotten wollte. Insgesamt wird das Leben wieder normaler. Mit einer einzigen Ausnahme: In etlichen Vereinen lässt die Gemeindewahl einen argen Scherbenhaufen zurück.

In Vorarlberg wird das Ehrenamt hoch geschätzt. Unsere Landsleute sind durch die Bank gehörige Vereinsmeier. Sie helfen beim Roten Kreuz, sie spielen bei der Bürgermusik, sie sind bei den Turnern und sie kämpfen beim Fußballverein und im Handballklub. Gott sei Dank ist das so. Man fühlt sich wohl in den Vereinen, weil es hier so unpolitisch zugeht. Die politische Farbenlehre spielt hier keine Rolle. Der Verein ist für viele die zweite Heimat geworden. Manchmal sogar die erste, weil hier weniger gestritten wird als zu Hause. Und dann kommt alle fünf Jahre eine Gemeindewahl. Da werden Kandidaten gesucht. Noblere Wahlkämpfer vermeiden es, die Obmänner von Ortsvereinen auf ihre Liste zu bitten. Sie wissen um den Wert des Vereinslebens. Ein ordentlicher Verein muss über allen Parteien stehen. Wenn da ein Vereinsobmann Partei ergreift, werden in seinen Reihen tiefe Gräben aufgerissen.

Politiker, die in einem Wahlkampf das Prinzip der verbrannten Erde vertreten, versuchen hingegen, Vereins­obmänner für ihre Liste zu angeln. Und manche Vereinsfunktionäre können leider dieser Versuchung nicht widerstehen. Sie bedenken oft nicht, was sie ihrem eigenen Verein damit antun. Es wird die Parteipolitik in die eigenen Reihen hineingetragen, ob man will oder nicht.

In der Bevölkerung gilt der ganze Verein dann als blau, schwarz oder rot, nur weil der Obmann seinen Selbstwert steigern wollte. Er ist dann dafür verantwortlich, dass die Spendengelder bei den Haussammlungen nicht mehr so reichlich fließen. Oder dass die Eltern ihre Kinder nicht mehr in diesen politisierenden Verein schicken wollen. Es mag auch vorkommen, dass ein ganzer Verein im Rathaus nicht mehr das bisherige Wohlwollen vorfindet, nur weil der Obmann bei der Wahl auf das falsche Pferd gesetzt hat und nun sein ganzer Verein als politischer Verlierer dasteht.

Es ist deshalb in den überparteilichen Vereinen die Zeit gekommen, im eigenen Interesse sofort eine klare Trennung vorzunehmen. Vereinsobmänner gehören nicht auf Parteilisten, wenn ein Verein ernst genommen werden will. Sie müssen sich entscheiden. In Einzelfällen soll es allerdings auch vorkommen, dass ein Vereinsobmann in seiner edlen Einfalt und stillen Blöße noch gar nicht bemerkt hat, dass er eigentlich missbraucht wurde.

Noblere Wahlkämpfer vermeiden es, die Obmänner von Ortsvereinen auf ihre Liste zu bitten. Sie wissen um den Wert des Vereinslebens.

arnulf.haefele@vorarlbergernachrichten.at
Arnulf Häfele ist Historiker und Jurist.
Er war langjähriges Mitglied des Vorarlberger Landtags.