Zorn versus Verzweiflung

Politik / 30.03.2018 • 22:43 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Hunderttausende Menschen sind bereits geflüchtet. Hunderttausende leben noch in Syrien. Ein großer Teil des Landes ist zerstört. Dazu zählt die Stadt Hazzeh. AFP
Hunderttausende Menschen sind bereits geflüchtet. Hunderttausende leben noch in Syrien. Ein großer Teil des Landes ist zerstört. Dazu zählt die Stadt Hazzeh. AFP

Macron trifft syrische Rebellen. Erdogan zürnt. Sorgen im SOS Kinderdorf.

damaskus, dornbirn Erdogan ist wieder einmal wütend. Sein Zorn richtet sich diesmal gegen den französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Der hat nämlich Vertretern der Rebellengruppe SDF (Syrische Demokratische Kräfte) bei einem Treffen die „Unterstützung Frankreichs“ zugesagt und damit äußerst heftige Reaktionen aus der Türkei hervorgerufen. Denn dort werden die SDF-Streitkräfte als Terroristen bezeichnet.

Macron hat laut einer Mitteilung des Elysée-Palastes vom Donnerstag bei dem Treffen in Paris die „entscheidende Rolle“ der SDF im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) gelobt. Um ein Wiedererstarken des IS zu verhindern, sagte Macron, müsse vor allem der Nordosten Syriens stabilisiert werden. Er hoffe dabei auf einen „Dialog“ zwischen den kurdisch-arabischen SDF-Rebellengruppen und der türkischen Regierung. Dafür bot Macron eine Vermittlung Frankreichs an. Diese hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan jedoch brüsk zurückgewiesen. Die Türkei brauche keine Vermittlung, sagte Erdogan. Er wisse nicht, warum sich die Türkei mit „Terroristen“ an einen Tisch setzen sollte. Dann stellte sich Erdogan „zutiefst traurig“ über Frankreichs „falsche Haltung bei diesem Thema“ dar und sagte, Paris habe seine „Grenzen“ überschritten und damit nicht mehr das Recht, sich über „Terroranschläge“ zu beklagen.

Deutlich schärfer noch als Erdogan äußerte sich Türkeis Vizeregierungschef Bekir Bozdag. Er warf den Franzosen auf Twitter „Zusammenarbeit und Solidarität mit Terrorgruppen“ vor, die „Feinde der Türkei“ seien, und drohte, wer mit diesen zusammenarbeite, werde selbst zur „Zielscheibe“ der Türkei.

Aussagen von kurdischer Seite nach dem Treffen mit Macron, wonach Frankreich neue Soldaten nach Manbij in Nordsyrien schicken wolle, wurden umgehend von Seiten des Elysée-Palastes dementiert.

SOS Kinderdorf hilft vor Ort

Der Krieg in Syrien dauert nun schon seit sieben Jahren und wird an vielen Fronten gleichzeitig geführt. Ein großer Teil des Landes ist mittlerweile zerstört. Hunderttausende Menschen sind bereits geflüchtet, Hunderttausende ums Leben gekommen. Hunderttausende leben noch in Syrien in Angst, Verzweiflung, in großer Not. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen aus aller Welt bemühen sich, die katastrophale Situation von Syriens Bewohnern einzudämmen. Unter ihnen SOS Kinderdorf.

Mehr als sechs Millionen Opfer des Syrienkrieges sind Kinder. Viele von ihnen sind verwaist, leben auf der Straße und suchen Wege, um an Nahrungsmittel sowie sauberes Trinkwasser zu kommen. SOS Kinderdorf gibt betroffenen Kindern Obdach, Essen, medizinische Versorgung sowie Zugang zu Schul- und Ausbildung. Das wichtigste Ziel ist es jedoch, Angehörige ausfindig zu machen und die Kinder wieder mit ihnen zu vereinen. Zudem helfen Traumatherapeuten Kindern, die Kriegserlebnisse zu verarbeiten. Dafür wurden Hilfszentren, sogenannte Interim Care Center, eingerichtet. Ein neues Hilfszentrum für traumatisierte Kinder hat die Organisation SOS Kinderdorf, gemeinsam mit UNICEF, vor Kurzem in Dscharamana bei Damaskus eröffnet.

SOS-Kinderdorf ist seit 1981 in Syrien tätig. Damals wurde in Damaskus das erste Dorf gebaut. Seit Oktober letzten Jahres gibt es ein weiteres im Stadtbezirk Sabourah. Dort wohnen heute auch Familien, die 2012 aus dem SOS Kinderdorf in Aleppo evakuiert werden mussten. Die Lage in Syrien werde sorgfältig beobachtet, heißt es seitens der Organisation: „Und wir bemühen uns nach Kräften, die Sicherheit der von uns betreuten Kinder und Jugendlichen zu gewährleisten.“

Große Sorgen in Vorarlberg

Große Sorgen über die Entwicklungen im Syrienkonflikt macht sich Gerd Konklewski, Leiter von SOS Kinderdorf in Vorarlberg. Vor allem dann, „wenn beispielsweise im Fernsehen über die Nachrichten-Ticker zu lesen ist, dass SOS-Kinderdörfer ihre Standorte verlassen müssen, wie im Februar geschehen“, sagt der 47-jährige Heil- und Sonderpädagoge. „Das geht nicht spurlos an einem vorüber, und man ist mit den Gedanken in Syrien.“

Dazu kommt, dass einige Jugendliche aus Syrien hier, im SOS Kinderdorf in Vorarlberg, in einer betreuten Wohnform leben. Somit werden Konklewski und die Betreuer tagtäglich mit dem Syrienkrieg konfrontiert. Allerdings erzählen die Jugendlichen, Konklewski zufolge, selten von den Kriegsgräueln, denen sie entkommen sind, „da sie die Erlebnisse oft selbst noch nicht verarbeitet haben“. Nur gelegentlich erfahre man in guten Gesprächen von einzelnen Schicksalen und der Situation vor Ort. „Für uns ist es oft unvorstellbar, wenn im Fernsehen über Kämpfe im Heimatort unserer Jugendlichen berichtet wird und noch keine Nachricht der Eltern oder Geschwister eingegangen ist“, sagt Konklewski. Und das macht die Sorgen nicht kleiner. Im Gegenteil. VN-HRJ

„Das geht nicht spurlos an einem vorüber, und man ist mit den Gedanken in Syrien.“