Bilder, Helden und Traumata

23.04.2018 • 20:42 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Flüchtlinge erreichen 2015 das ungarische Roszke. In Fluchtsituationen wird Gruppenidentität besonders bedeutsam, sagt Psychoanalytiker Volkan. Reuters
Flüchtlinge erreichen 2015 das ungarische Roszke. In Fluchtsituationen wird Gruppenidentität besonders bedeutsam, sagt Psychoanalytiker Volkan. Reuters

Gruppenidentität entwickelt sich ganz automatisch. Ob wir wollen oder nicht.

bregenz Vamik Volkan war schon mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert. Der Wissenschaftler wendet psychoanalytische Konzepte nicht auf Einzelne, sondern auf Großgruppen an und vermittelt in Krisensituationen. Er war unter anderem bereits in Israel, Georgien oder Ägypten tätig. Vor Kurzem hat Volkan im Rahmen des internationalen Symposiums Kindheit, Jugend und Gesellschaft Bregenz besucht. Im Gespräch mit den VN erläutert der 86-Jährige, was in Menschen vorgeht, die fliehen müssen.

 

In den letzten Jahren sind zahlreiche Flüchtlinge nach Europa gekommen. Wie passen sich diese Menschen den neuen Begebenheiten an?

Volkan Das hängt natürlich von der jeweiligen persönlichen Geschichte ab. Es gibt aber bestimmte Aspekte, welche die Migranten gemeinsam haben und es gibt Aspekte, welche die Aufnahmegesellschaft gemeinsam hat. Die Identität der Großgruppe spielt immer mit. Besonders bedeutsam wird das in Fluchtsituationen.

 

Wie entwickelt sich Gruppenidentität überhaupt?

volkan Sie kann sich etwa anhand ethnischer, nationalistischer oder religiöser Gesichtspunkte entwickeln. Wenn man in der indischen Stadt Hyderabad lebt, ist man entweder hinduistisch oder muslimisch. In Zypern ist man hingegen griechisch- oder türkischstämmig. Während wir aufwachsen, entwickeln wir eine Großgruppenidentität, ob wir wollen oder nicht. Dinge, welche die jeweilige Gruppe ausmachen, werden ein Teil von uns. Bestimmte Bilder, Helden und sogar historische Traumata.

 

Und wie äußert sich das?

volkan Kinder lernen automatisch, dass es Gruppen gibt und dass man anderen Gruppen nicht angehört. Als ich vier Jahre alt war, nahmen mich meine Mutter und meine Großmutter in Zypern mit auf einen Bauernhof eines Griechen. Dort wurden Schweine gezüchtet. Ich wollte die Tiere berühren. Meine muslimische Großmutter ist sofort eingeschritten. Sie sagte, Schweine seien unrein. Mit der Entwicklung von Großgruppenidentität entstehen auch Vorurteile. Das ist ganz normal, solange niemandem Gewalt angetan wird.

 

Und was passiert, wenn man sein Heimatland verlässt?

volkan Wenn man etwas verliert, muss man trauern. Das bedeutet, einen Weg zu finden, die Bilder und Symbole, etwa Großeltern, Essen, Gerüche zurückzulassen. Man ruft die inneren Bilder immer wieder hervor, bis sie nicht mehr belastend sind. Dabei kommt es auch darauf an, wie alt man ist. Mit etwa zwölf Jahren trauert ein Heranwachsender über den Verlust der Kindheit. Wird man dann zum Flüchtling, trauert man doppelt. Ist man jünger und den Eltern geht es gut, klappt die Anpassung besser.

 

Und die Aufnahmegesellschaft?

volkan Stellen Sie sich ein Zelt vor. Eine Stange hält das Zelt, das ist die Politik. Dazu kommen Untergruppen, etwa Journalisten, Ärzte oder Handwerker. Die Zeltplane ist die Großgruppenidentität. Sie ist wie atmen. Man bemerkt gar nicht, dass man atmet. Das tut man erst, wenn man sich in einem brennenden Haus befindet. Ähnlich ist das bei der Großguppenidentität. Wenn die Zeltplane aufgerissen wird und jemand das Zelt betritt, macht man alles, um es zu schützen. Flüchtlingskrisen erzeugen solche Situationen. Das war schon immer so. Allerdings werden die Flüchtlinge heute auch mit Terrorismus in Verbindung gebracht. Und es gibt noch andere Unterschiede zu früher.

 

Welche denn?

volkan (zeigt auf ein Smartphone) Wir rücken näher zusammen und wissen mehr über andere Identitäten. Alles geschieht per Knopfdruck. Das hat positive Seiten. Gleichzeitig kann die Globalisierung auch zur Identitätskrise führen. Ereignisse wie Flüchtlingskrisen oder Terrorismus bringen uns dazu, zu fragen: „Wer sind wir denn jetzt überhaupt?“ Die menschliche Natur verändert sich nur langsam, teils dauert dieser Prozess Jahrzehnte. Nehmen wir Großbritannien. Mit dem Brexit wollten die Briten entscheiden, wer in ihr Zelt kommen darf. Und warum glauben Sie, hat Donald Trump die US-Wahl gewonnen?

Zur Person

Vamik Volkan
1932 in Nikosia (Zypern) geboren, ist ein US-amerikanischer Psychiater, Psychoanalytiker, Friedens- und Konfliktforscher sowie emeritierter Professor an der University of Virginia (Charlottesville). Er stammt aus einer türkischstämmigen zypriotischen Familie, studierte zunächst in Ankara und wanderte 1957 in die USA aus.