Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Im Verdrängungsmodus: Wir schauen lieber weg

Politik / 07.05.2018 • 22:42 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Polizei marschiert hier jetzt täglich in martialischer Stärke auf. Ordnung muss rein, am Wiener Praterstern. Der Verkehrsknotenpunkt soll mit einem Alkoholverbot von Problemen befreit werden – also von jenen obdachlosen Menschen, die hier betrunken sitzen oder herumliegen, die tüchtigen Leute der Stadt belästigen, indem sie die um Kleingeld anschnorren, oder einfach nur, weil ihr Anblick die anderen irritiert. Verwahrlosung und Armut will man ja lieber nicht sehen. Das Alkoholverbot entspringt der Sicherheitsdoktrin des künftigen Wiener Bürgermeisters Michael Ludwig und stellt eine Zäsur in der Stadtpolitik dar. Es ist menschlich nachvollziehbar, dass manche Bahnhofsbenutzer hier nicht mit dem Leid anderer konfrontiert werden wollen – sinnvoll ist dieses Wegschauen nicht. Sozialarbeiter wissen, dass die Vertriebenen wieder an anderen Orten auftauchen. Unkontrolliert, in Randgebieten oder Parks.

Die Kultur des Verdrängens statt der Lösung sozialer Probleme ist in unserer Gesellschaft immer weiter verbreitet. Null-Toleranz-Politik gegen Randgruppen und Alkoholverbote an Bahnhöfen gibt es österreichweit, von Dornbirn bis Eisenstadt – die Probleme dahinter kann man damit nicht auflösen, aber egal. Das Konzept fußt auf der „Broken Windows Theory“ aus den USA. Wer von der Norm abweicht, soll mit Verboten aus der Öffentlichkeit verbannt werden, so will man Straftaten verhindern. Bürgermeister Rudolph Giuliani exekutierte das im New York der 1990er-Jahre.

In Wien unter Michael Häupl verband man Ordnungsmodelle mit sozialen Maßnahmen, wie bei der Auflösung der Drogenszene am Karlsplatz. Da gab es eine Vorbereitungsphase, man leitete die Suchtkranken in Tageszentren um, die Stadt investierte in Sozialarbeit und Therapie. Am Praterstern passiert bisher nichts davon. Das zeigt, dass der neue Stadtchef Ludwig sich vor der nächsten Wahl mit einer restriktiveren Politik gegen die FPÖ profilieren möchte. Und es beweist, dass sich die Politik am subjektiven Sicherheitsgefühl orientiert, das weniger mit realen Bedrohungen und mehr mit Ängsten zu tun hat. Auch bezeichnend: Das Alkoholverbot gilt im Bahnhof und den Bereichen rundherum, aber nicht in den Supermärkten, den Lokalen oder am Würstelstand – wer hier legal trinkt und wer nicht, entscheidet also die Polizei.

In Österreich gelten 370.000 Menschen als alkoholkrank, die Dunkelziffer liegt noch höher. Eine große politische Kampagne gegen den Alkoholmissbrauch würde unsere Gesellschaft weiter bringen als die Verdrängung der Wirklichkeit jener, die nicht mehr mithalten können.

„Die Kultur des Verdrängens statt der Lösung sozialer Probleme ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt