Zorn und Trauer im Gazastreifen

15.05.2018 • 20:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ein Demonstrant schwenkt an der Grenze zum Gazastreifen eine palästinensische Flagge. AFP
Ein Demonstrant schwenkt an der Grenze zum Gazastreifen eine palästinensische Flagge. AFP

Proteste und Generalstreik der Palästinenser. Israel weist Kritik zurück.

jerusalem, gaza Nach den tödlichen Konfrontationen von Palästinensern mit israelischen Soldaten an der Gaza-Grenze haben am Dienstag Tausende Menschen im Gazastreifen Abschied von ihren Toten genommen. Beim blutigsten Tag seit dem Gaza-Krieg im Jahr 2014 sind insgesamt 60 Palästinenser getötet worden, wie das Gesundheitsministerium in Gaza mitteilte. Rund 2800 wurden verletzt. Die Trauer der Palästinenser über die Toten mischte sich am Dienstag, dem Tag der „Nakba“ (übersetzt: „Katastrophe“), mit dem Zorn über die Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948. Am Gaza­grenzzaun wurde am Dienstag erneut ein Mensch erschossen, wie das Gesundheitsministerium in Gaza mitteilte. Im Westjordanland nahmen nach Angaben der israelischen Armee etwa 1300 Menschen an teilweise gewalttätigen Demonstrationen teil.

„Entschlossener Einsatz“

Das UN-Menschenrechtsbüro kritisierte Israel für das Vorgehen am Grenzzaun zum Gazastreifen scharf. Tödliche Gewalt dürfe nur angewendet werden, wenn die Angegriffenen in Lebensgefahr seien. Das sei nicht der Fall gewesen, sagte der Sprecher des Büros, Rupert Colville. „Es sieht so aus, als laufe jeder Gefahr, durch Schüsse getötet oder verletzt zu werden: Frauen, Kinder, Pressevertreter, Nothelferinnen, Unbeteiligte – und das, auch wenn sie sich 700 Meter vom Zaun entfernt aufhalten.“ Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lobte dagegen den „entschlossenen Einsatz“ der Sicherheitskräfte. Am Montag waren nach Angaben der israelischen Armee im Gazastreifen rund 40.000 Palästinenser an den Grenzzaun gekommen.  Demonstranten hätten explosive Gegenstände und Brandbomben auf Soldaten und den Sicherheitszaun geworfen. Ein Auslöser für die Proteste war die Eröffnung der US-Botschaft am Montag in Jerusalem, dem 70. Jahrestag der israelischen Staatsgründung. Präsident Donald Trump hatte vor rund sechs Monaten Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkannt. Dabei kündigte er auch die Verlegung der Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem an. Jerusalem gilt als eine zentrale Streitfrage im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

Die Menschen protestierten auch gegen eine mehr als zehnjährige Blockade des Küstenstreifens durch Israel und Ägypten. Nach den Protesten blieben wegen eines Generalstreiks am Dienstag alle Geschäfte in den Palästinensergebieten und Ost-Jerusalem geschlossen. Die Flaggen am Amtssitz von Präsident Mahmud Abbas in Ramallah wehten auf Halbmast. Die Türkei forderte den israelischen Botschafter in Ankara aus Protest zur Ausreise auf. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sprach von einem „Genozid.“ Netanjahu wies die Kritik umgehend zurück. Der türkische Präsident sei einer der größten Unterstützer der Hamas, sagte er. Israel wirft der im Gazastreifen herrschenden radikalislamischen Hamas vor, Zivilisten im Konflikt als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen.

„Es sieht so aus, als laufe jeder Gefahr, durch Schüsse getötet oder verletzt zu werden.“