„Ich habe mich für den Zynismus vieler Abgeordneter geniert“

17.05.2018 • 20:07 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Matthias Strolz möchte den französischen Präsidenten Emmanuel Macron überzeugen, sich mit den Liberalen in Europa zu verbünden.APA
Matthias Strolz möchte den französischen Präsidenten Emmanuel Macron überzeugen, sich mit den Liberalen in Europa zu verbünden.APA

Das gekippte Rauchverbot brachte Strolz in Rage. Seine Zukunft wird jedenfalls pro-europäisch.

Wien Matthias Strolz zieht sich zurück, im Juni von seinem Posten als Parteichef, im September als Klubobmann. Was die Debatte zum Rauchverbot damit zu tun hat, wofür er sich in Zukunft engagieren will und warum er auf eine Familienfeier des französischen Präsidenten Emmanuel Macron wartet, erklärt der Parteigründer den VN.

 

Als das Rauchverbot in der Gastronomie gekippt wurde, vermittelten Sie in Ihren Reden den Eindruck, als hätten Sie ein wenig den Glauben an die Politik verloren. War das so?

Strolz Mich hat der Zynismus in der Raucherdebatte hart getroffen. Das habe ich zum Ausdruck gebracht. Vielleicht hätte ich ein anderes Kontroll- und Verdrängungsniveau für meine Emotionen gehabt, wäre für mich damals nicht schon der Entschluss klar gewesen, den Parteivorsitz in den nächsten Monaten zu übergeben. Es gibt zwischen meinen Emotionen in der Raucherdebatte und meinem Rückzug also Wechselwirkungen, aber keine Kausalitäten.

 

In der emotionalsten Phase Ihrer Rauchverbotsrede sagten Sie, Sie würden sich für Ihren Berufsstand schämen…

Strolz Ich habe mich geniert, weil wir den wissenschaftlichen Befund auf dem Tisch hatten, dass zwei bis drei Menschen in Österreich täglich an den Folgen des Passivrauchens sterben und sich trotzdem die Mehrheit der Abgeordneten fürs Sterben dieser Menschen entschieden hat. Das war in einer Art zynisch, die mich betroffen macht.

 

Erkennen Sie derartigen Zynismus auch bei anderen Themen?

Strolz Zynismus ist eine zentrale Bewältigungsstrategie für jene, die vom politischen Spitzenamt überfordert sind; von dieser Reizüberflutung, davon, dass jeder an dir zerrt, dass es ein hartes Geschäft ist. Leider ist Zynismus in seiner destruktiven Ausprägung menschen- und lebensverachtend. Ich bin da eher ein Anhänger der Biophilie von Erich Fromm, der Liebe zum Lebendigen.

 

Wie lebendig ist die Demokratie?

Strolz Die Demokratie befindet sich in einer Krise. Denken Sie nur an Donald Trump oder Viktor Orban, der nach seiner Ankündigung einer „illiberalen Demokratie“ jetzt den Wunsch nach einer „christlichen Demokratie“ geäußert hat. Das geht in Richtung Kreuzzugmetapher und ist ein Irrweg, das sage ich als Politiker und als Katholik. Die Neos gehen lieber den Weg der Partizipation. Tausende Menschen haben sich für den Aufbau unserer politischen Kraft engagiert.

 

Die Demokratie braucht also eine Öffnung der Parteien?

Strolz Wir haben kein Patentrezept. Unsere Bewegung, die Partizipation, dass wir uns öffnen, ist immer ein Versuchen und Finden. Ich glaube auch, dass Emmanuel Macron in dieser Frage für Frankreich und Europa ein Fortschritt ist. 

 

Sie haben ihm einen Brief geschrieben, mit dem Wunsch, dass er sich mit den europäischen Liberalen verbündet. Hat er geantwortet?

Strolz Der Brief geht über einen privaten Kanal und nicht über die Post. Emmanuel Macron wird ihn bei einem Familientreffen erhalten, das in den kommenden Tagen stattfindet. In Frankreich ist Familie wichtig und mir schien die Variante, den Brief über diesen Weg zuzustellen, daher als die effektivere.

 

Sie sagten, die Politik sei ein hartes Geschäft. Muss sie so brutal sein?

Strolz Was heißt brutal? Das Leben ist brutal, weil es am Schluss tödlich ist. Es gibt Vergänglichkeit und knappe Ressourcen. Es wäre schlimm, wenn es anders wäre. Ich will mir den Menschen gar nicht vorstellen, wenn er ewig leben würde und alles hätte. Er würde sich wahrscheinlich selbst zugrunde richten. Wir sind in diese Begrenztheit und die Verteilungskämpfe um Aufmerksamkeit, Macht und Geld gebettet. Es ist die Aufgabe der Politik, diese in einer zivilisierten Art und Weise zu verhandeln. Dass es sich dabei um Kämpfe handelt, müssen wir respektieren.

 

Welche Schwerpunkte werden Sie in Ihrer verbleibenden Zeit als Politiker noch setzen?

Strolz Europa ist mir ein Herzensanliegen. Es ist eine Schicksalsfrage für unser Miteinander. Darauf werde ich weiterhin viel Zeit investieren.

 

Und Emmanuel Macron überzeugen?

Strolz Ich bin mit vielen Parteichefs in ganz Europa im Austausch. Es gibt ein großes Netzwerk unter den Liberalen, aber leider noch einen weißen Fleck in Frankreich. Dort haben wir keinen Verbündeten. Das möchte ich ändern.

 

Wie stehen die Chancen?

Strolz Emmanuel Macron ist eine andere Kampfklasse als ich. Aber er wird Verbündete brauchen und da ist jedes Licht, auch ein kleineres, eine Hilfe. Ich schätze seine Ideen und seine Entschlossenheit und biete ihm meine Unterstützung an.

 

Auch nach der Zeit als Neos-Chef?

Strolz Ja. Auch die Allianz der Liberalen und Demokraten hätte mich gerne weiterhin dabei. Da sage ich natürlich Ja, vorbehaltlich dessen, was es am Ende konkret sein wird. Mich interessiert zum Beispiel die internationale Friedensarbeit. Ich habe auch schon eine zusätzliche Ausbildung im Bereich der systemischen Organisationsentwicklung begonnen, aus der ich ja ursprünglich komme. Das menschliche Leben ist eine Entfaltung bis zum letzten Atemzug.