Zur Unzeit

24.05.2018 • 20:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Hei, wie waren alle voll des Lobes über diesen Schritt. Matthias Strolz hat seinen Rücktritt angekündigt und Österreich hat ihm für diesen ungewöhnlichen Schritt gedankt. Schon im Juni wird er als Parteichef der Neos zurücktreten und im September als pinker Klubobmann im Nationalrat. Nicht einmal einfacher Abgeordneter wird der Neos-Gründer bleiben. Und das soll gut sein? Zehn Jahre wollte der Bergbauernbub aus Wald am Arlberg in der Politik verbringen. Nun verlässt er nach sieben Jahren vorzeitig die politische Bühne. Just, als er zum ersten Mal richtig gebraucht würde. Er folge dem Ruf seines Herzens, sagt er. Er habe aber weder vor zu sterben noch auszuwandern. Aber politisch tot ist er bald. Und das ist auch der Grund für das überschwängliche Lob für seinen unerwarteten Rücktritt. Ein toter Indianer war immer schon ein guter Indianer. 

Er habe diesen Schritt schon viele Monate geplant, sagt Strolz. Vor etlichen Monaten war die letzte Nationalratswahl. Wenn er seinen Rückzug schon damals im Sinn hatte, riecht das auch ein wenig nach Betrug an den Wählern, die nur ihm ihre Stimme geben wollten. Er hat damals einen grandiosen Coup gelandet, als er die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofs in sein Team geholt hat. Das hat den Neos noch einmal das Überleben gesichert. Gleichzeitig wurde dadurch der Springinsfeld, der sich bei der türkis-blauen Bundesregierung allzu schnell als Mehrheitsbeschaffer für eine Zweidrittelmehrheit zur Änderung der Bundesverfassung antrug, durch eine kluge und zurückhaltende Rechtsexpertin gezähmt. Seine packendste Parlamentsrede hat Matthias Strolz wohl bei der Aufhebung des Rauchverbots in der Gastronomie gehalten. Anhand von genauen Zahlen hat er dem Hohen Haus vorgerechnet, dass in Österreich täglich zwei bis drei Menschen an den Folgen des Passivrauchens sterben. Er schäme sich deshalb für die umgefallenen Abgeordneten. Zu diesem Zeitpunkt war sein Rücktritt schon beschlossene Sache.

Der Neos-Gründer will uns glauben machen, die Pionierphase seiner Partei sei abgeschlossen und er müsse nun für den nächsten Wachstumsschritt Platz machen. Das ist eine gewaltige Täuschung. Seine Partei ist in höchster Gefahr. Sie hätte enttäuschte ÖVP-Wähler gewinnen können, die den türkisen Rechtsruck nicht mitmachen wollen. Aber diese Chance ist durch den Rücktritt wohl vertan. Seine zurückbleibenden Parteifreunde werden es schwer haben, die Lücke aufzufüllen. Parteigründer Strolz musste mitansehen, wie die Bundes-Grünen nach dem Wahlschlamassel Schulden bezahlen und Mitarbeiter entlassen mussten. Das wollte er sich vielleicht nicht mehr antun. Als zurückgetretener Parteichef und Nicht-mehr-Klubobmann will er sich mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron treffen. Er hat ihm einen Brief geschrieben. Vielleicht sagt ihm jemand, was Papierkorb auf Französisch heißt.

„Der Neos-Gründer will uns glauben machen, die Pionierphase seiner Partei sei abgeschlossen.“

Arnulf Häfele

arnulf.haefele@vn.at

Arnulf Häfele ist Historiker und Jurist. Er war langjähriges Mitglied des Vorarlberger Landtags.