Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Antisemitismus und kein Ende

Politik / 20.02.2019 • 11:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Man würde das Thema allzu gern ad acta legen – doch fast täglich sucht es uns mit neuer Aktualität heim: Antisemitismus. Allein Mitte dieser Woche ließen zwei Ereignisse aufhorchen: Auf dem jüdischen Friedhof der kleinen elsässischen Gemeinde Quatzenheim nordwestlich von Straßburg wurden 80 Grabsteine mit großen blauen und gelben Hakenkreuzen beschmiert. Dies war nur der jüngste einer ganzen Reihe antisemitischer Übergriffe in den letzten Woche, die sich unter anderem gegen französisch-jüdische Intellektuelle richteten: Die scheinbar isolierten Vorfälle verdichten sich zunehmend zu flächendeckenden Mustern. Präsident Macron reiste unverzüglich ins Elsass und versprach Abhilfe.

In Großbritannien ereignete sich am gleichen Tag bei Labour die gravierendste Parteispaltung seit vier Jahrzehnten; sieben Abgeordnete haben eine neue „Independent Group“ ins Leben gerufen, die sich bis Ende Jahr als neue Partei konstituieren will. Als Grund für ihre Abspaltung erwähnten die Abgeordneten die Haltung ihrer Partei zu Brexit, vor allem aber deren „Übelkeit erregenden Antisemitismus“. Parteichef Jeremy Corbyn wurde gewarnt, dass er die „enorme Tragweite“ dieses Problems noch immer nicht erfasst habe. Deutlich mehr Labour-Abgeordnete könnten die Partei verlassen, falls er den Antisemitismus nicht in den Griff bekomme. Die Oppositionspartei hat sich in einer internen Untersuchung nicht weniger als 673 Fälle von Antisemitismus vorgenommen und seit April letzten Jahres zwölf Parteimitglieder ausgeschlossen sowie 96 suspendiert; gegen 211 wurden Untersuchungen eingeleitet, 146 wurden verwarnt. Allein die Abgeordnete Margaret Hodge hat der Parteiführung über 200 Fälle von „übelstem Antisemitismus“ vorgelegt.  Erst kürzlich wurden zwei jüdische Labour-Abgeordnete von Parteimitgliedern verhöhnt, in deren Adern fließe „kein menschliches Blut“.

Die zahlenmäßig größten jüdischen Gemeinschaften befinden sich heute in Frankreich, Großbritannien und Deutschland. In Frankreich wurde im vergangenen Jahr eine Zunahme antisemitischer Vorfälle um 74 Prozent registriert, in Deutschland hat sich die Zahl gewalttätiger Angriffe gegen Juden um 60 Prozent vergrößert und erreichte den Höchststand dieses Jahrzehnts. Bemerkenswert ist das Auseinanderklaffen der Wahrnehmungen: Laut einer „Eurobarometer“-Umfrage in 28 Nationen fühlen 89 Prozent der befragten Juden, dass der Antisemitismus „signifikant zugenommen“ habe, während lediglich 36 Prozent der allgemeinen Öffentlichkeit dies so sieht. Immer mehr Juden haben Angst, jüdische Veranstaltungen zu besuchen und verbergen zunehmend ihre Identität. Interessant ist das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung unter den „vestes jaunes“, den Protestierenden mit den gelben Leuchtwesten in Frankreich: Fast die Hälfte von ihnen sprechen dunkel von „zionistischen Verschwörungen“.