Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Warnung vor den Alpen

Vorarlberg / 02.03.2019 • 11:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Das Urteil gegen Landwirt Reinhard P. aus Neustift im Tiroler Stubaital hat europaweit für Aufsehen gesorgt. 490.000 Euro Schadenersatz soll er bezahlen, weil seine Mutterkuh-Herde eine 45-jährige Deutsche attackiert und getötet hatte. Die Frau war mit ihrem angeleinten Hund im Alpgebiet auf einer öffentlichen Straße unterwegs. Das Innsbrucker Landesgericht befand: ein Warnschild war nicht ausreichend. Nun hat noch nicht die letzte Instanz gesprochen, doch das Urteil wirft viele Fragen auf, bringt allgemeine Verunsicherung. Nicht nur beim betroffenen Bauern, der seine Existenz gefährdet sieht – sondern alle mit Alpen Befassten fragen sich nun, wie man’s denn bitte richtig macht.

„Der Öffentlichkeit bleibt das Angstbild von eingezäunten Wanderwegen, von Hundeverboten in den Bergen, von Warnschildern vor eh allem am Ortseingang.“

Weil besonders in den Bergen Gefahren lauern, erinnert der Fall an einen tragischen Wanderunfall im Silbertal, vor drei Jahren. Damals stürzte eine 14-jährige Schweizerin in der Nähe des Teufelsbachwasserfalls 18 Meter in die Tiefe. Ein Holzzaun am Wanderweg brach, als sie sich rücklings anlehnte. Da es ein öffentlicher Wanderweg war, ist die Gemeinde für dessen Wartung verantwortlich. Und so saßen zwei Bauhofmitarbeiter wegen fahrlässiger Tötung mehrfach vor Gericht, erst vor zehn Tagen wurde ihr Freispruch endgültig bestätigt: am tragischen Tod der 14-Jährigen ist niemand schuld. Unfälle passieren, nicht immer ist die Schuldfrage zu klären, auch wenn es den Trauernden Trost gäbe. Im aktuellen Fall aus Tirol will das Gericht sein Urteil nicht als allgemeingültig verstanden wissen. Der Öffentlichkeit bleibt das Angstbild von eingezäunten Wanderwegen, von Hundeverboten in den Bergen, von Warnschildern vor eh allem am Ortseingang. Man wird irgendwann zu dem Schluss kommen müssen, dass sich nicht jedes Unglück verhindern lässt. Trotz Radhelmen können sich Mountainbiker tödliche Kopfverletzungen zuziehen. Träger von Lawinen-Airbags und -Piepsern sind keineswegs vor dem Weißen Tod gefeit. Auch beim Wandern kann es stets zu Zwischenfällen kommen. Wir loben das Ried immer wieder gern als „Central Park” des Rheintals und die Berge als ultimatives Freizeitrevier und immer mehr vergessen dabei offenbar, dass die Alpen kein Abenteuerspielplatz sind, echte Gefahren lauern. Dass ausgerechnet die Landwirte, die sich Alpwirtschaft noch antun, nun die Rechnung für unsere Anspruchsgesellschaft bezahlen sollten, ist nicht argumentierbar.

Am Donnerstag, 7. März 2019 findet der VN-Stammtisch „Nach Alp-Urteil – wie geht’s weiter?“ im Bäuerlichen Schul- und Bildungszentrum für Vorarlberg in Hohenems statt. Beginn ist 19 Uhr.