Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Religiöses Panoptikum

06.03.2019 • 05:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Karfreitagsdebatte und Ethikunterricht am Aschermittwoch: Wer hätte noch vor kurzem vermutet, dass sich die Österreicher derart ausgiebig mit Religion beschäftigen? Vor allem ohne das Wort Islam zu erwähnen. Obwohl: Innenminister Herbert Kickl und Liste-Jetzt Gründer Peter Pilz bemühen sich tatkräftig, dass die Gefahren aus dieser Ecke nicht vergessen werden. Aber der Reihe nach, nicht ganz ernst gemeint und dennoch mit ernstzunehmendem Hintergrund.

Heute ist kein Feiertag. Ein halber wäre wohl praktisch gewesen für alle fanatischen Anhänger des Faschingsdienstages. Aber sowohl Konkordat als auch der EuGH sind da unerbittlich und haben Arbeiten statt Ausschlafen angesagt. Das Aschekreuz und die beginnende Fastenzeit sollen uns an Jesus erinnern, wie er 40 Tage betend und fastend in der Wüste verbrachte. Kinder, die den Religionsunterricht besuchen, wissen das vermutlich. Jene, die bisher lieber im Kaffeehaus saßen, lernen es ab 2020 vielleicht im Ethikunterricht. So der Plan von Bildungsminister Heinz Faßmann.

Da Schüler nun nicht mehr die Wahl zwischen Freistunde und Religionsunterricht haben, sondern unvermeidlichen Lehrerkontakt, könnten die Anmeldezahlen für den konfessionellen Unterricht wieder steigen. Vielleicht stimmt das die Kirchen nach der Gesprächsverweigerung zum Karfreitag wieder versöhnlich. Obwohl unklar ist, ob das Timing des Dialogs innerhalb der Religionsgemeinschaften schlechter war oder jenes der Regierung mit den Kirchenvertretern. Da droht wohl eine Glaubensspaltung.

Parteistrategen haben es leichter, wenn sie beim bewährten Dogma „Wir gegen die Fremden“ bleiben. Das funktioniert fast immer, um im Gespräch zu bleiben oder wieder ins Spiel zu kommen. Peter Pilz konnte die Bühne der Untersuchungsausschüsse nicht wirklich nutzen. Daher greift er zu drastischeren Bildern und warnt uns alle, dass ÖVP und SPÖ von der türkischen Muslimbrüderschaft unterwandert seien. Das hat zwar nicht unbedingt etwas mit Religion zu tun, klingt aber danach.

„Parteistrategen haben es leichter, wenn sie beim bewährten Dogma ‚Wir gegen die Fremden‘ bleiben.“

Dennoch müssen die Österreicher in Zukunft keine Angst haben, glauben wir unserem Innenminister. Alle ketzerischen Personen werden zukünftig in Sicherungshaft verwahrt. Hauptsache sie besitzen keinen österreichischen Pass – oder reichen schon verdächtiges Aussehen und ungewöhnliche Urlaubsvorlieben? Das entscheiden dann die psychologischen Berater des neuen Landeshauptmannes vom Burgenland, Hans-Peter Doskozil.

Neue quasi-religiöse Gruppen bilden sich in unserem Land: Fromme Ausländerskeptische, strikte Aschekreuz-Verweigerer, Ethik-für-alle-Anhänger, verdeckte Graue-Wölfe-Parteiagenten, esoterische Experten für Kriminalitätswahrsagerei, Halbtagsfeiertagsfans und Religion-ist-meine-Politik-Sektengründer. Was machen eigentlich die arbeitslosen Faschingsprinzen seit heute?