„Uns traf der Hammer der europäischen Politik“

06.03.2019 • 21:31 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Rettung von Flüchtlingen vor der libyschen Küste mit Beteiligung von Sea-Watch.AP
Rettung von Flüchtlingen vor der libyschen Küste mit Beteiligung von Sea-Watch.AP

Ex-Rettungsschiff-Kapitän über seine Erfahrungen im Mittelmeer.

flensburg Vor wenigen Wochen spielte sich im Mittelmeer ein politischer Nervenkrieg ab, als das Schiff der Nichtregierungsorganisation (NGO) Sea-Watch mit 49 geretteten Migranten an Bord erst nach langem Ausharren auf hoher See in Malta anlegen durfte. Schon seit Jahren ist die Rettung von afrikanischen Flüchtlingen im Mittelmeer ein Politikum, Bundeskanzler Sebastian Kurz sprach in seiner Zeit als Außenminister vom NGO-Wahnsinn, den es zu stoppen gelte, um die Flucht nicht weiter zu fördern.

Ruben Lampart (35) aus Kempten im Allgäu kennt die Situation aus erster Hand. Er war zwischen Sommer 2016 und Herbst 2017 zunächst Erster Offizier, dann Kapitän des NGO-Rettungsschiffs „Sea-Watch 2“ vor der libyschen Küste. Die VN sprachen mit ihm über seine Erfahrungen.

 

Wissen sie noch, wie viele Menschen sie gerettet haben?

lampart Nein, das kann ich nicht sagen, das waren viel zu viele. Das geht in den drei- bis vierstelligen Bereich – ich meine täglich.

 

Wie war das zu stemmen?

lampart Unsere Crew bestand aus 17 Personen. Aufnehmen konnte unser Schiff 300 Menschen, aber wir waren nicht allein, es waren ja noch mehr Rettungseinheiten im Einsatz. 2016 und Anfang 2017 waren ja auch noch viele Marineschiffe von den Frontex-Missionen vor Ort, die viel höhere Kapazitäten hatten. Wir haben nur die Erstversorgung gemacht und keine Menschen selbst nach Europa gebracht, sondern sie an Kriegsschiffe abgegeben.

 

Gab es besonders herausfordernde Situationen?

lampart Ja, einmal hatten wir drei Tage lang 300 Menschen an Bord. Erst als das Wetter schlecht wurde, hat uns die maritime Rettungsleitstelle in Rom ein Kriegsschiff geschickt.

 

Wie muss man sich diese Situation an Bord vorstellen?

lampart Sehen sie, diese Menschen haben Verletzungen, sie sind traumatisiert, unterernährt, wurden vergewaltigt, gefoltert oder versklavt. Sie sind am Ende. Sie hatten an Bord nicht mal genügend Platz, die Beine auszustrecken. Für ein paar Stunden geht das, aber für ein paar Tage so viele Menschen an Bord zu haben, darauf waren wir nicht vorbereitet. Wir hatten eine Trinkwasseraufbereitungsanlage, aber man braucht ja auch Nahrung, trockene Kleidung, sanitäre Anlagen. Sie drei Tage lang zu versorgen, war unmöglich. Da hat uns der Hammer der europäischen Politik hart getroffen.

 

Woran machen Sie fest, dass die politische Situation daran schuld ist?

lampart Wenn ein Marineschiff, das nur ein paar Stunden entfernt ist, nicht zur Rettung kommt, obwohl es laut UN-Konvention verpflichtet ist, zu helfen, dann kann ich mir das nicht anders erklären. Mittlerweile ist die Situation so, dass alle zivilen Rettungsschiffe festgesetzt oder aus dem Verkehr gezogen wurden, teils aus fadenscheinigen Gründen. Dahinter stehen aus meiner Sicht keine fachlichen, sondern politische Gründe.

 

Welcher Gefahr waren Sie und Ihre Crew ausgesetzt?

lampart Die Gefahr ging von der libyschen Küstenwache aus, die auf uns geschossen hat – mit aus Europa gelieferten Waffen von europäischen Kriegsschiffen aus. Aggression gegen die Crew habe ich nie erlebt. Man kann mit den Menschen reden und sie beruhigen.

 

Gab es neben den Problemen auch Unterstützung?

lampart Die Zusammenarbeit zwischen den NGOs hat sehr gut funktioniert. Auch die Marinekapitäne, egal aus welchem Land, haben eine menschliche Seite gezeigt und so viel geholfen, wie sie konnten. Wenn Politiker von NGO-Wahnsinn reden, dann frage ich mich allerdings, ob die wissen, dass es hier um Menschenleben geht.

 

Bundeskanzler Sebastian Kurz kritisiert, die Rettungsaktionen würden mehr Menschen zur Flucht motivieren. Teilen sie diese Sicht?

lampart Das kann ich nicht nachvollziehen, denn die Menschen flohen ja vorher auch schon über das Meer. Durch Sea-Watch und andere NGOs kam das Thema überhaupt an die Öffentlichkeit.

Zur Person

Ruben Lampart

ehemaliger Kapitän der „Sea-Watch 2“

Geboren 1983 in Kempten

Ausbildung gelernter Schlosser, Studium der Nautik

Familie verheiratet, ein Kind