Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Doping-Fälle: Von Schuld und Sühne

12.03.2019 • 06:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wie die armen Sünder sitzen sie im Fernsehstudio. Befangen, jedes Wort klingt überlegt und auch ein wenig eingeübt, manchmal ein hilfloses Lächeln. So beantworten die des Dopings überführten ÖSV-Langläufer Max Hauke und Dominik Baldauf die Fragen von „Im Zentrum“-Moderatorin Claudia Reiterer, der Anwalt sitzt auf der anderen Seite dabei: Der Sport als Kindheitstraum, irgendwann die falsche Entscheidung, um mithalten zu können und natürlich, beide wollen sich bei allen entschuldigen, es war ein großer Fehler. Zuerst zehn Minuten öffentliches Bekenntnis, dann diskutiert eine Expertenrunde über ihre Doping-Fälle und den Spitzensport. Die jungen Delinquenten hören in der ersten Zuschauer-Reihe still zu.

Die Inszenierung lässt das Publikum unangenehm berührt zurück. Völlig klar, beide suspendierten Sportler haben eine Straftat begangen und müssen mit Konsequenzen rechnen. Und dennoch, sind sie mehr Verführte als Kriminelle, wie die Doping-Expertin in der Runde sagt? Mit Rationalität kommt man hier leider nicht weit.

Sport und Gefühle

Denn Spitzensport und Emotionen, das gehört im Guten wie im Schlechten zusammen. In der Öffentlichkeit feiert man die erfolgreichen Helden wie Übermenschen („Unser Marcel“), man verdammt jene, die stolpern, als Bösewichte. Dafür, wie manche deutsche Boulevardmedien den gefallenen Rad-Helden Jan Ullrich mit ihrer sensationslüsternen Tratschtruppe gehetzt haben, sollten sie sich schämen. Sich über jene zu erheben, die man einst bewundert hat, macht einen eben gleich auch ein bisschen größer.

„Der Unfehlbarkeitsanspruch an Sportler und Sportlerinnen kommt wohl auch daher, weil man selber so fehlbar ist.“

Der Unfehlbarkeitsanspruch an Sportler und Sportlerinnen kommt wohl auch daher, weil man selber so fehlbar ist. Sportmenschen müssen stärker, mutiger, disziplinierter als Normalmenschen sein; die Erwartungshaltungen an sie werden immer größer, der Blick auf physische Grenzen wird immer unrealistischer. Dass später des Dopings überführte Rad-Stars wie Lance Armstrong oder Ullrich selbst nach tagelangen, zermürbenden Bergetappen der „Tour de France“ fuhren, als wären sie eben aus dem Karibik-Urlaub eingeflogen – das konnte nur  übermenschliche Leistung sein, logisch!

Analyse statt Aufgeregtheit

Man könnte sich also das Skandalgeschrei bei Dopingfällen sparen und lieber das moderne Leistungssportsystem genau durchleuchten. Es zwingt nicht zum Doping, das wäre eine billige Ausrede, aber es befördert doch die Haltung, jedes Hilfsmittel verwenden zu müssen, um noch erfolgreich sein zu können.

Wer erwischt wird, wie Hauke und Baldauf, sollte für die Öffentlichkeit Reue zeigen und Buße tun, wie im katholischen Schuldbekenntnis: „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld.“ Ob man das vor dem Prozess im Fernsehen tun muss, ist eine andere Frage.

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