Warum immer weniger Vorarlberger Schüler die Ganztagsschule besuchen

Politik / 13.03.2019 • 09:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Leon, Celine und Mehmed (v.l.) sind glückliche Schüler der 4a-Ganztagsklasse in der Volksschule Edlach Dornbirn.   VN/Hämmerle
Leon, Celine und Mehmed (v.l.) sind glückliche Schüler der 4a-Ganztagsklasse in der Volksschule Edlach Dornbirn.   VN/Hämmerle

Landesrätin ortet Verunsicherung nach Debatte über verpflichtenden Mittagstisch.

Birgit Entner-Gerhold

Celine (11), Leon (10) und Mehmed (10) sind glückliche Kinder. Und das auch noch um kurz nach drei Uhr nachmittags in der Schule. Ihre Schule ist die Volksschule Edlach in Dornbirn. Von 15 Klassen sind dort fünf als Ganztagsklassen mit verschränktem Unterricht organisiert. „Wir sind so gerne hier“, sagt Mehmed und erzählt: „Wäre ich nicht hier, hätte ich nie Skifahren gelernt.“ „Wir gehen auch Eislaufen und spielen Rollhockey“, ergänzt Leon. „Und Ausflüge machen wir auch“, erzählt Celine begeistert. All diese Aktivitäten der Viertklässler sind eingebettet in ein pädagogisch durchdachtes Ganztagskonzept. Lernen wechselt mit Ruhen, Essen, Freizeitbeschäftigungen. So funktioniert die verschränkte Ganztagsschule. Die Ganztagsschule gibt es aber auch in getrennter Form, also als Nachmittagsbetreuung nach Abschluss des Unterrichts.

Mehr als ein Viertel aller Vorarlberger Schüler besucht derzeit eine ganztägige Schulform. Österreichweit betrachtet sind das vergleichsweise viel, erklärt Bildungslandesrätin Barbara Schöbi-Fink (ÖVP): „Sogar in absoluten Zahlen gibt es in Vorarlberg mehr Plätze als in Tirol, Salzburg oder Kärnten.“ Allerdings sind es im Vergleich zum Vorjahr deutlich weniger geworden. Die Zahl der Schüler ist in ganztägigen Schulformen um 1303 gesunken. Österreichweit betrachtet, ist das ein gegenläufiger Trend, wie eine Anfragebantwortung des Bildungsministeriums nun offenlegt. Demnach gibt es bundesweit um 8742 Ganztagsschüler mehr als im Vorjahr, lediglich in Tirol (Minus 136) und Vorarlberg (Minus 1303) kam es zu Rückgängen.

Angebot umgestellt

Martin Netzer, Generalsekretär des Bildungsministeriums, führt die Entwicklung auf eine Prüfung des Landesrechnungshofs zurück: „Er hat festgestellt, dass die Tagesbetreuung teils nicht rechtskonform durchgeführt wird. Dabei ging es um die Mittagstischfrage, also dass Kinder zu Mittag nach Hause gegangen und später wieder in die Schule gekommen sind.“ Viele Gemeinden, vor allem im Bregenzerwald, hätten darauf ihr Angebot umgestellt, erklärt Netzer. Vermutlich würden sie es nur nicht mehr Tagesbetreuung nennen, die Kinder seien aber sicher weiterhin betreut.

Schöbi-Fink glaubt, dass viele von der Mittagstischdebatte und Anwesenheitspflicht über Mittag verunsichert worden seien. Sie will diese Unsicherheit in den nächsten Schuljahren ausräumen. Das Angebot ganztägiger Schulformen würde sich am Bedarf orientieren. „Im Schuljahr 2018/2019 liegt zwar ein Rückgang der in der ganztägigen Schulform angemeldeten Schüler vor. Es ist aber gelungen, ein umfassenderes Angebot als in den Jahren zuvor zu schaffen. Demnach bieten 146 der 249 allgemeinbildenden Pflichtschulen eine ganztägige Schülerbetreuung an, das sind acht mehr als im vergangenen Jahr. Insgesamt gibt es 85 Ganztagsklassen, die eine verschränkte Abfolge von Unterricht und Betreuung anbieten, im Schuljahr 2017/2018 waren es zehn weniger.

In der Volksschule Edlach gibt es die Ganztagsklassen schon seit acht Jahren. Was Celine, Leon und Mehmed ganz besonders gut finden: „Wenn die Schule aus ist, müssen wir auch keine Hausübungen mehr machen.“ Sie erzählen, wie sie sich gegenseitig beim Lernen helfen. „Und wenn wir mal zum Streiten kommen, versöhnen wir uns im Laufe des Tages wieder“, sagt Mehmed und grinst.

Bundesförderung wird auf neue Beine gestellt

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) will den Ausbau der ganztägigen Schulformen auf neue Beine stellen und künftig auch Horte und Ferienbetreuung fördern. Als Anreiz für die Gemeinden möchte sich der Bund zudem an den Personalkosten beteiligen. Insgesamt sollen von 2020 bis 2022 rund 203 Millionen Euro fließen, statt für derzeit 33 soll es dann für 40 Prozent der Pflichtschüler Angebote geben. 85 Prozent aller Standorte sollen eine ganztägige Betreuung anbieten können. Die Bundesförderung richtet sich nach folgenden Kriterien: qualifiziertes Personal, Gruppengrößen bis 25 Kinder, Öffnungszeiten von sieben bis 16 Uhr und bei Bedarf bis 18 Uhr, in den Ferien von acht bis 16 Uhr. Das Fördergeld stammt vorwiegend aus der sogenannten Bankenmilliarde, 750 Millionen davon sollten in Form einer Ko-Finanzierung in den Ausbau der ganztägigen Schulform fließen. Ursprünglich sollte das Geld bis 2025 vergeben worden sein. Die Laufzeit wurde nun bis 2032 gestreckt. Die Tagesbetreuung sei nicht auf die Gemeinden ausgelagert worden, da diese das finanzielle Risiko nicht übernehmen wollten. Außerdem müsse die außerschulische Betreuung in Horten bei der Förderung berücksichtigt werden, heißt es im Bildungsressort. Die Ganztagsbetreuung dürfe aber nicht durch eine Mittagspause unterbrochen werden. Sei dies der Fall, gebe es keine Förderung. In Vorarlberg wurde im vergangenen Jahr circa die Hälfte der Bundesgelder abgeholt.