Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Macht Demokratie glücklich?

Politik / 20.03.2019 • 19:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In der ersten Verfassung des winzigen (727 000 Einwohner) Himalaja-Königreichs Bhutan von 2008 wurde festgeschrieben, dass die Regierung nicht das Wirtschaftswachstum sondern das Glück der Bürger Bhutans optimieren solle. Bhutan wurde damals von einer absoluten zur konstitutionellen Monarchie nach britischem Vorbild umgeformt und die Demokratisierung vorangetrieben. Trotz anhaltender Armut (das Bruttoinlandsprodukt Bhutans figuriert lediglich auf Platz 123 von 189 auf der Rangliste der Weltbank) bezeichnen sich laut einer Uno-Studie 50 Prozent der Einwohner und Einwohnerinnen in der Stadt und 37 Prozent auf dem Land als glücklich.

Macht Demokratie glücklich? Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich hatte diese Frage schon vor Jahren bejaht – mit Hinweis auf das Schweizer Modell der direkten Demokratie. Eine aktuelle Untersuchung, publiziert in „Lancet“ einer der ältesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt, stellt fest, dass in Staaten, die sich in den letzten 50 Jahren zu Demokratien gewandelt haben, signifikant weniger Todesfälle registriert wurden, die auf Herzkrankheiten, Zirrhose  und Krebs zurückzuführen seien in Diktaturen. Auch die durchschnittliche Lebenserwartung sei höher. Selbst die Zahl der Autounfälle sei geringer. „Freie und faire Wahlen sowie verantwortungsbewusste Regierungen scheinen einen wichtigen Einfluss auf die Verbesserung des Gesundheitszustandes erwachsener Personen zu haben.”  Gesundheit und Wahlen seien untrennbar verknüpft.

“Eine aktuelle Untersuchung stellt fest, dass in Staaten, die sich in den letzten 50 Jahren zu Demokratien gewandelt haben, signifikant weniger Todesfälle registriert wurden.”

Falls die seltene Chance der Briten ihre Präferenz für „Remain“ oder „Brexit“ direktdemokratisch an den Urnen zu äußern ein gesteigertes Glücksgefühl hervorgerufen haben sollte, so ist diese Wirkung wohl inzwischen abgeklungen. Desillusionierung und Verwirrung haben sich breit gemacht – von Glück keine Spur mehr. Die meisten Briten fühlen sich von ihrer Regierung weniger beglückt als irregeleitet, ja schlichtweg betrogen.

Die „Sunday Times“ berichtet über eine ganz andere Wähler-Analyse zum Brexit-Referendum:  Wie beeinflusst die Persönlichkeit das Abstimmungsverhalten? 11.225 Personen wurden getestet und es stellte sich heraus, dass jene, die für Brexit gestimmt hatten, gegenüber den „Remain“-Anhängern intellektuell deutlich unterlegen waren. So verfügten die „Brexiteers“ über geringere rechnerische Fähigkeiten, sie seien anfällig für unüberlegte, impulsive Entscheidungen und übernehmen oft ungeprüft Behauptungen irgendwelcher Autoritäten. Die Forscher warfen die Frage auf, ob die direkte Demokratie überhaupt das geeignete Instrumentarium sei, um komplexe, komplizierte politische Fragen zu beantworten.