Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Sie wollen die totale Aufmerksamkeit

Politik / 01.04.2019 • 22:53 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Vom Cover des Nachrichtenmagazins „Profil“ schaut uns mit ernstem Blick ein rechtsextremer Aktivist entgegen. Martin Sellner, ein junger Mann mit akkuratem Scheitel, ist nicht mehr nur ein paar Expertinnen oder Journalisten als Gesicht der österreichischen Identitären bekannt, nein, jetzt ist er weltberühmt in Österreich. Und gerade der Umgang mancher Medien trägt dazu noch seinen Teil bei.

Sellner sieht nicht aus wie ein Skinhead, das ist Teil der Marketingidee seines Vereins, der Identitären, die vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands als rechtsextrem eingestuft werden. Sie entwerfen ihr Bild vom „großen Austausch“ (muslimische Einwanderer, die die Europäer verdrängen würden) und sind Teil der „Neuen Rechten“, die sich international mit völkischen Verschwörungstheo­rien vernetzt.

Ein Video geht durchs Land

Am Montag vergangener Woche findet bei Sellner eine Hausdurchsuchung statt; der spätere rechtsextreme Attentäter von Christchurch hatte dem Österreicher 2018 eine Spende von 1500 Euro überwiesen. Das Verteidigungsvideo Sellners geht noch in der Nacht online – und quer durchs Land.

Auch weitergetragen oder kommentiert von Medienleuten, die Austria Presse Agentur verfasst anhand des Videos eine Meldung, noch ehe die Behörden sich äußern. Medien und Politik offenbaren, dass sie leider keinen adäquaten Umgang mit solchen Phänomenen haben.

Kanzler Sebastian Kurz fordert sofort „schonungslose Aufklärung“, der Verein der Identitären solle aufgelöst werden, was juristisch aber schwierig ist – die Spende des späteren Terroristen ist strafrechtlich irrelevant. Die Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl warnt etwa vor einem „staatlichen Gütesiegel“ für die Rechtsextremen, sollte ein Verbotsverfahren scheitern. Der Regierung ist die Affäre zusätzlich unangenehm, weil die FPÖ über Burschenschaften diverse Kontakte zu den Identitären pflegt. Heinz-Christian Strache wieder mal zwischen Vizekanzlerschaft und Rechte-Recken-Betreuung.

Bühne für Rechtsextreme

Aktivisten wie Sellner wollen die totale Aufmerksamkeit – und bekommen sie. Große Interviews (Servus TV) oder Fotoshootings für ein „Profil“-Cover tragen wenig zur Aufklärung bei, bieten diesen aber eine Bühne und machen sie erst zu Akteuren im politischen Diskurs. Vom Geschäft mit der Aufmerksamkeit profitieren ja auch die Medien. Ohne jetzt Jörg Haider mit Martin Sellner irgendwie gleichsetzen zu wollen: Erinnern wir uns, wie „Profil“ oder „News“ Haider einst durch ihre aufgeregten Titelblätter mit gehypt haben.

Nicht dämonisieren, nicht normalisieren, nicht ihre Sprache oder Inszenierung übernehmen und genau hinschauen: So sollten Politik- und Medien mit Extremisten umgehen. Schwierig, aber notwendig.

„Medien und Politik offenbaren, dass sie leider keinen adäquaten Umgang mit solchen Phänomenen haben.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt