Anti-Wikileaks-Komplott

14.04.2019 • 20:53 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Donald Trump, wie wir ihn noch nicht kannten: Als edler Ritter gegen das Böse. Und bei seinem Kampf hat er Bundesgenossen. Die sind nicht ganz koscher, aber beim Feldzug für das angeblich Hehre, Gute und Gerechte muss man ja nicht immer kleinlich sein.

Da hat der US-Präsident mit seinem Amtsbruder in Ecuador ausgekungelt, den „Wikileaks-Banditen“ Julian Assange aus der Ecuador-Botschaft in London rauszuwerfen, damit er von der Polizei der Brexit-Vergeigerin Theresa May verhaftet, an die US-Justiz übergeben, dort vor Gericht gestellt, bestraft und mundtot gemacht werden kann.

Denn Julian Assange hat Schlimmes „verbrochen“: Sein Wikileaks-Verein hängte vor ein paar Jahren US-Dokumente zu Missetaten amerikanischer Soldaten an die große Glocke, die auch bei großzügiger Betrachtung in die Kategorie Kriegsverbrechen fallen: Widerwärtige Folter- und Mordgeschichten und andere Sachen. Die allesamt US-amtlich und unter Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen unter den Teppich gekehrt und nicht geahndet wurden.

Früher war Trump Wikileaks-Fan

Während seines Präsidentschaftswahlkampfes war Trump noch ein Wikileaks-Fan und forderte ihn öffentlich auf, möglichst viele wahre oder unwahre E-Mail-Dreckgeschichten über seine Gegenspielerin Hillary Clinton zu veröffentlichen. Aber das war gestern. Jetzt ist Trump gegen Assange und hat sich der Hilfe des neuen und mit harter Hand regierenden Ecuador-Präsidenten Lenin Moreno versichert. Unter dessen Herrschaft ist es mit Meinungsfreiheit und Beachtung der Menschenrechte im mittelamerikanischen Land nicht mehr weit her und Trump hat bekanntlich eine Schwäche für Diktatoren.

Die britische Premierministerin May macht das Anti-Assange-Trio komplett. Die im Brexit-Strudel steckende Dame in London ist schließlich auf der Suche nach Ablenkung von schlimmen Nachrichten und auf der verzweifelten Jagd nach Verbündeten. Heilsbringer in der britischen Post-EU-Zeit soll Trumps USA mit einem gigantisch vorteilhaften Freihandelsvertrag sein. Und da kann man ja schon mal einen moralisierenden Stinkefinger namens Assange über die Klinge springen lassen.

Was ist letztlich schlimmer?

Mag ja sein, dass der Wikileaks-Mann persönlich kein Musterknabe ist, und er beim Enthüllen von Missständen und Verbrechen gegen die eine oder andere gesetzliche Vorschrift verstoßen hat. Aber was ist letztlich schlimmer: Das nicht unbedingt gesetzestreue Aufdecken von schwersten Straftaten oder die aufgedeckten Widerlichkeiten? Mulmig darf dem Betrachter auch werden, wenn „die da oben“ anfangen, Aufklärer und Aufdecker – seien es die klassischen Medien oder sonstige Medienkundige – mit der Staatsmacht zum Schweigen zu bringen. Beispiele in der Geschichte gibt es genug. Gut ausgegangen sind sie alle nicht.

„Wikileaks hängte US-Dokumente zu Missetaten amerikanischer Soldaten an die große Glocke, die auch bei großzügiger Betrachtung in die Kategorie Kriegsverbrechen fallen.“

Peter W. Schroeder

berichtet aus Washington, redaktion@vn.at