Wandel im Sudan nimmt Gestalt an

14.04.2019 • 20:53 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Im Sudan haben Tausende Demonstranten ihre Sitzblockade vor der Zentrale der Streitkräfte in der Hauptstadt Khartum fortgesetzt. AFP
Im Sudan haben Tausende Demonstranten ihre Sitzblockade vor der Zentrale der Streitkräfte in der Hauptstadt Khartum fortgesetzt. AFP

Hoffen auf den neuen Machthaer Abdel Fattah al-Burhani.

Karthum In Khartum campierten zehntausende Unzufriedene auch übers Wochenende erwartungsvoll vor dem Oberkommando der sudanesischen Streitkräfte. Nachdem diese den aus ihren Reihen 1989 empor gekommenen Langzeitdiktator Omar al-Baschir am Donnerstag gestürzt und durch eine Militärjunta ersetzt hatten, begannen in ihr sofort die üblichen Machtkämpfe: Unter dem Eindruck des ungebrochenen Protestes der Straße musste der frisch gebackene neue Machthaber General Awad Ibn Auf ebenfalls schon zurücktreten. Er war als blutiger Scherge von Baschir bei Niederwerfung der Separatisten im westlichen Darfur berüchtigt, also absolut nicht der richtige Mann, um bei dem 40-Millionen-Volk am Oberen Nil Zuversicht auf mehr Freiheit und Gerechtigkeit zu wecken. An seine Stelle trat jedoch nicht irgendein Mitglied der Offiziersjunta: Der Generalinspektor des Heeres, Abdel Fattah al-Burhani, rechtfertigt sichtlich mehr das Grundvertrauen der Bevölkerung in eine entscheidende Rolle der Armee beim angestrebten politischen Wandel. Daher hatte sich das schon Ende 2018 als Hungerrevolte gegen unerschwinglich gewordene Brotpreise losgebrochene Aufbegehren bei seinem Neuanlauf Anfang April von Kundgebungen vor dem Präsidentenpalast auf das Gelände vor dem Hauptquartier verlagert. Jetzt hat das Verlangen der Massen nach einer neuen, volkstümlichen Führung in der Person von Burhani seine erste Erfüllung gefunden.

Der Karriere-Offizier war bisher fast nur in militärischen Kreisen bekannt, dort aber ebenso beliebt wie geachtet. Politisch hervorgetreten ist er zum ersten Mal während der letzten Kundgebungen, als er auf die Straße ging und bei den Demonstrationen mitmachte. Hinter seinem jetzigen Aufstieg steht aber noch eine ganz andere, typisch sudanesische Kraft: Wie schon sein Name sagt, handelt es sich bei Burhani um einen Exponenten der „Burhania“. Diese Derwisch-Bruderschaft hat ihren Ursprung im mittelalterlichen Ägypten, sie ist jedoch in den letzten Jahrzehnten besonders im Sudan – und übrigens auch in Europa – im Vormarsch. In arabischen Diktaturen, wo Parteien nichts zu sagen haben, spielen diese Gemeinschaften hinter den Kulissen eine wichtige, sozial verbindende und politisch einigende Rolle. In Khartum soll jetzt die Burhania treibende und organisierende Kraft hinter dem neuesten „Volksbegehren“ für einen demokratischen Wandel sein. Unklar ist noch das Verhalten der anderen großen Oppositions-Bewegung „Umma“, das bis zum März die „Allianz für Freiheit und Wandel“ (ALC) getragen hatte.