Regierung wurde vor Anschlägen gewarnt

Politik / 22.04.2019 • 22:40 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Oben: Allein in der St.-Sebastian-Kirche in Negombo starben mehr als 50 Menschen. Rechts: Die St.-Antonius-Kirche in Colombo wird bewacht. Vor ihr wird gebetet. AP, AFP
Oben: Allein in der St.-Sebastian-Kirche in Negombo starben mehr als 50 Menschen. Rechts: Die St.-Antonius-Kirche in Colombo wird bewacht. Vor ihr wird gebetet. AP, AFP

Attentatserie in Sri Lanka sorgt weltweit für Entsetzen. Regierung macht einheimische Islamisten verantwortlich.

colombo Entsetzen, Trauer und offene Fragen: Am Montag, dem Tag nach dem verheerenden Anschlägen an mindestens acht Orten auf der Tropeninsel Sri Lanka, wurden mindestens 290 Tote und etwa 500 Verletzte gezählt. Sri Lankas Regierung macht die einheimische Islamistengruppe National Thowheeth Jamaath (NTJ) für die Attentate verantwortlich.

Die Explosionen in drei Kirchen und drei Luxushotels hatten sich am Ostersonntagvormittag nahezu zeitgleich ereignet. Sie wurden nach Angaben eines Forensikers des Verteidigungsministeriums von insgesamt sieben Selbstmordattentätern verübt. Zu zwei späteren Explosionen in einem weiteren Hotel und einer Wohngegend in Vororten der Hauptstadt Colombo gab es zunächst keine näheren Angaben. Insgesamt gab es mindestens acht Detonationen. In den Kirchen fanden gerade Ostergottesdienste statt. Dort gab es die meisten Opfer.

Unter den 35 getöteten Ausländern sind drei der vier Kinder des dänischen Milliardärs Anders Holch Povlsen (46) und seine Frau Anne. Die Familie machte Urlaub in Sri Lanka. Povlsen ist Chef der Bestseller-Gruppe, zu denen die Marken Vero Moda und Jack & Jones gehören. Österreicher dürften nach bisherigen Informationen nicht unter den Opfern sein.

Sri Lankas Regierung ist überzeugt, dass die NTJ die Attacken nur mit Unterstützung aus dem Ausland verübt haben kann. Kabinettssprecher Rajitha Senaratne sagte, es habe vor den Attacken Hinweise auf Anschlagspläne der Gruppe gegeben, Premierminister Ranil Wickremesinghe sei aber nicht informiert worden. Senaratne, der auch Gesundheitsminister ist, kritisierte das angespannte Verhältnis zwischen Wickremesinghe und den Sicherheitsdiensten unter Staatspräsident und Verteidigungsminister Maithripala Sirisena. Sirisena hatte Wickremesinghe Ende vergangenen Jahres überraschend entlassen und ersetzt. Wickremesinghe gewann aber den Machtkampf und blieb im Amt. „Dies ist das einzige Land, wo, wenn der Premierminister den Sicherheitsrat einberuft, sie (gemeint sind deren Mitglieder) nicht erscheinen“, sage Senaratne.

Erste Informationen über mögliche Anschläge auf Kirchen und Touristenziele hätten der Polizei bereits am 4. April vorgelegen. „Wir glauben nicht, dass diese Angriffe von einer Gruppe von Menschen verübt wurden, die auf dieses Land begrenzt waren“, sagte Senaratne am Montag. „Es gab ein internationales Netzwerk, ohne das diese Angriffe nicht gelungen wären.“

Die Motive der Attentäter waren jedoch auch am Montag noch unklar. 24 Verdächtige wurden nach Polizeiangaben inzwischen  festgenommen und verhört. Islamistische Terrorangriffe hatte es bisher in Sri Lanka nicht gegeben. Nur rund zehn Prozent der Bevölkerung Sri Lankas sind Muslime, die Mehrheit der rund 20 Millionen Einwohner sind Buddhisten.

Die Anschlagserie sorgte international für Entsetzen. Papst Franziskus gedachte der Opfer vor Zehntausenden Gläubigen in Rom. UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich „schockiert über die terroristischen Attacken auf Kirchen und Hotels an Ostersonntag, einem heiligen Tag für Christen überall auf der Welt“. Staats- und Regierungschefs – darunter Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) – verurteilten die Angriffe scharf.

Das Attentat auf die Menschen in der Antonius-Kirche ist tragisch und hat so viele unschuldige Menschen getötet oder verletzt. Christoph Schönborn, Kardinal

Das Attentat auf die Menschen in der Antonius-Kirche ist tragisch und hat so viele unschuldige Menschen getötet oder verletzt. Christoph Schönborn, Kardinal

Die Anschläge in SriLanka auf friedlich betende und Gottesdienst feiernde Menschen und auf Hotelgäste sind ein schrecklicher und barbarischer Akt. Sie sind auf das Schärfste zu verurteilen. Unser Mitgefühl und unsere Gedanken sind bei den Verletzten und den Familien der Opfer. Alexander Van der Bellen, Bundespräsident

Die Anschläge in SriLanka auf friedlich betende und Gottesdienst feiernde Menschen und auf Hotelgäste sind ein schrecklicher und barbarischer Akt. Sie sind auf das Schärfste zu verurteilen. Unser Mitgefühl und unsere Gedanken sind bei den Verletzten und den Familien der Opfer. Alexander Van der Bellen, Bundespräsident

Ich bin zutiefst betroffen über die brutalen und perfiden Terrorakte, die gerade am Ostersonntag in Sri Lanka geschehen sind. Karin Kneissl, Außenministerin

Ich bin zutiefst betroffen über die brutalen und perfiden Terrorakte, die gerade am Ostersonntag in Sri Lanka geschehen sind.
Karin Kneissl, Außenministerin

„Ich möchte der christlichen Gemeinschaft, die getroffen wurde, als sie im Gebet versammelt war, und allen Opfern von so grausamer Gewalt meine innige Nähe ausdrücken. Auch die schlimmste Gewalt wird uns nicht dazu bringen, vor dem Hass zu kapitulieren. Franziskus, Papst

„Ich möchte der christlichen Gemeinschaft, die getroffen wurde, als sie im Gebet versammelt war, und allen Opfern von so grausamer Gewalt meine innige Nähe ausdrücken. Auch die schlimmste Gewalt wird uns nicht dazu bringen, vor dem Hass zu kapitulieren.
Franziskus, Papst

Ich spreche den Familien der Opfer, die sich zu einem friedlichen Gottesdienst versammelt hatten, mein Beileid aus. Jean-Claude Juncker, EU-Kommissionschef

Ich spreche den Familien der Opfer, die sich zu einem friedlichen Gottesdienst versammelt hatten, mein Beileid aus. Jean-Claude Juncker, EU-Kommissionschef

Stichwort

Konfliktland Sri Lanka

Die Tropeninsel Sri Lanka mit ihren knapp 21 Millionen Einwohnern ist mehrheitlich buddhistisch. Rund 12,6 Prozent der Bevölkerung sind Hindus, 9,7 Prozent Muslime und 7,4 Prozent Christen. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der verschiedenen Religionsgemeinschaften. Im Bürgerkrieg von 1983 bis 2009 kämpften die „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ (LTTE) für einen unabhängigen tamilischen Staat im Norden. Die Tamilen sind meist Hindus. Die LTTE verübte im ganzen Land Selbstmordanschläge und sprengte Züge in die Luft, die Armee der Regierung (Singhalesen, meist Buddhisten) bombardierte das Siedlungsgebiet der Tamilen. Heute ist die LTTE zerschlagen. Doch der Konflikt schwelt weiter. Menschenrechtsorganisationen berichten von anhaltenden Entführungen, Vergewaltigungen und Folter von Tamilen durch Sicherheitskräfte. Es gibt aber auch immer wieder gewalttätige Übergriffe auf Christen.