Kein TV, kein Auto, kein Handy

Politik / 26.04.2019 • 08:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Michael Diettrich von der Armutskonferenz ist über die Vorarlberger Zahlen nicht überrascht. Das Land sei bei Haushalteinkommen der unteren 25 Prozent auf dem vorletzten Platz. VN

Während die Armutsgefährdung österreichweit rückläufig ist, bleibt sie in Vorarlberg langfristig gesehen gleich.

Birgit Entner-Gerhold

Wien 1,51 Millionen Menschen sind in Österreich von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen. Das ist ein Fortschritt. Denn vor zehn Jahren waren es noch 187.000 Personen mehr, wie die aktuelle EU-SILC-Erhebung ergibt. In Vorarlberg hat sich im Vergleich dazu kaum etwas geändert. Hier sind heute wie damals weiterhin über 80.000 Menschen armuts- und ausgrenzungsgefährdet.

Wer zu den Betroffenen gehört, wird mit drei Indikatoren bestimmt. Demnach ist armutsgefährdet, wer allein lebt und weniger als 1259 Euro pro Monat (zwölf Mal im Jahr) inklusive aller Beihilfen zur Verfügung hat. Bei zwei Erwachsenen mit zwei Kindern liegt die Grenze bei 2643 Euro. In Österreich schaffen es 1,24 Millionen Menschen nicht, die Armutsgefährdungsschwelle zu überwinden.

Indikator 2 umfasst 243.000 materiell Benachteiligte. Auf sie treffen vier der folgenden Merkmale zu: Sie können ihre Rechnungen nicht zeitgerecht zahlen, sind bei unerwarteten Ausgaben existenziell bedroht oder müssen in ihrer Wohnung frieren. Sie haben zu wenig Geld für eine Waschmaschine, einen Fernseher, ein Handy oder ein Auto. Urlaub ist ohnehin nicht drinnen; auch nicht jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine vergleichbare vegetarische Speise zu essen.

Indikator 3 trifft auf weitere 480.000 Menschen unter 60 Jahren zu. Sie sind nicht oder kaum erwerbstätig. 

Dass unterm Strich rund 1,5 Millionen Menschen armuts- oder ausgrenzungsgefährdet sind, liegt daran, dass mehrere Indikatoren auf eine Person zutreffen können. So sind etwa 82.000 Personen in allen drei genannten Dimensionen benachteiligt.

Österreichweit ist die Zahl der Betroffenen nicht nur absolut, sondern auch gemessen an der Bevölkerung gesunken. Machte ihr Anteil vor zehn Jahren 20,6 Prozent aus, waren es 2018 noch 17,5 Prozent. Diese Entwicklung spiegelt sich in den Zahlen aller Bundesländer wider. Nur in Vorarlberg nicht. Hier hat sich langfristig gesehen kaum etwas getan. Waren vor zehn Jahren 84.000 Personen oder 22 Prozent der Bevölkerung armuts- und ausgrenzungsgefährdet, sind es 2018 noch immer 22 Prozent oder 87.000 gewesen. Mit diesem Wert sei das Land schon immer Spitzenreiter, befindet Michael Diettrich von der Armutskonferenz. Den Höchststand hat das Land im Jahr 2015 mit 26 Prozent oder 98.000 Betroffenen erreicht.

Zwar seien die Einkommen in Vorarlberg vergleichsweise gut, allerdings stünden die unteren 25 Prozent mit ihren Haushaltseinkommen besonders schlecht da. Den österreichweiten Rückgang an Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten begründet Diettrich mit der Konjunktur. Da der Aufschwung nicht ewig anhalte, brauche es dringend Konjunktur- und Beschäftigungsprogramme.

Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) kündigt unter anderem an, dass die Bundesregierung die Krankenversicherungsbeiträge für Menschen mit geringem Einkommen senken werde. Die „Frühen Hilfen“ im Gesundheitswesen für Schwangere und Jungfamilien würden ausgebaut, ebenso wie Kinderbetreuungsplätze. Dass Österreich die von der EU festgelegten Ziele noch nicht erreicht hat, nimmt Hartinger-Klein zur Kenntnis. Die Zahl der Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten hätte demnach zwischen bis 2020 um 235.000 Personen sinken müssen. Im EU-Vergleich liegt Österreich aber seit Jahren im besten Drittel.

EU-Silc


EU-SILC ist eine Erhebung zu den Lebensbedingungen der Privathaushalte in der Europäischen Union. Auch die Republik Österreich nimmt, vertreten durch die Statistik Austria, seit 2003 an diesem Projekt teil. Die Ergebnisse bilden eine wichtige Grundlage für die Sozialpolitik. Jährlich nehmen in Österreich rund 6000 Haushalte an der Erhebung teil.