Hass

Politik / 02.05.2019 • 22:16 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Es waren schreckliche Wochen und Monate. Vor einem halben Jahr, am 27. Oktober 2018, hat der Rechtsradikale Robert Bowers in der ironischerweise „Lebensbaum“ benannten Synagoge in Pittsburgh (US-Bundesstaat Pennsylvania) elf Menschen erschossen und vier verletzt – der gravierendste antijüdische Gewaltakt der gesamten amerikanischen Geschichte.

Albtraumhaftes Karussel

Am 15. März erschoss der Rechtsextreme Brenton Tarrant 50 Menschen in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch; 50 Personen wurden teils schwer verletzt. Rund einen Monat danach, am Ostersonntag, wurden bei den von muslimischen Extremisten einer obskuren Organisation namens National Thowheed Jamath (NTJ) durchgeführten Selbstmordanschlägen auf Hotels und Kirchen in Sri Lanka mehr als 250 Personen getötet – der mörderischste Terorrakt, der sich in der jüngeren Geschichte in ganz Asien ereignet hat.

Und vor wenigen Tagen ereignete sich nördlich von San Diego (Kalifornien) erneut ein Schusswaffen-Angriff auf eine Synagoge, bei dem eine 60-jährige Frau getötet wurde. In Burkina Faso starben fünf Personen bei einem Anschlag auf eine protestantische Kirche.

Rechtsradikale Christen morden Muslime und Juden, Extremistische Muslime ermorden Christen. Die Schauplätze scheinen immer schneller auf der ganzen Erdkugel zu drehen, wie in ein albtraumhaftes Karussell des blutigen Wahnsinns: Vereinigte Staaten, Neuseeland, Sri Lanka, ein afrikanisches Land. Die Tatorte sind Tausende Kilometer voneinander entfernt, befinden sich auf vier Kontinenten. Ein geografischer Zusammenhang zwischen den schrecklichen Bluttaten ist nicht zu erkennen. Auch kein logischer. Oder doch? Es gibt einen gemeinsamen Nenner: Hass. Und noch einen: Religion. Fanatisierte, verblendete, verhetzte Angehörige einer Glaubensgemeinschaft meinen „ihre“ Wahrheit zu finden, indem sie die Angehörigen einer anderen Religion hassen und töten.

Anonyme Feiglinge 

Hass ist kein neues Phänomen in der Menschheitsgeschichte – und er wurde seit jeher systematisch geschürt, fand stets gewaltbereite Fanatiker oder auch nur gehorsame Dummköpfe, die Hass in Mord umsetzten. Im Zeitalter des Internets, der sozialen Medien, ist dummdreiste Gehässigkeit, die leicht in Hass umschlagen kann, zur gängigen Umgangsform zumeist anonymer Feiglinge geworden.

„Hass ist kein neues Phänomen in der Menschheitsgeschichte – und er wurde seit jeher systematisch geschürt.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).