Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Rohe Sprache und bittere Wirklichkeit

06.05.2019 • 20:48 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Politik ist kein Kuschelzoo, wir wissen das. Höflichkeit gehört schon lange nicht mehr zum Geschäftsmodell. Die Zerrissenheit des Landes – hier die türkis-blaue Regierung, da ihre Gegner – manifestiert sich auch in einer völlig verrohten Sprache. Und das führt zu einem Diskurs, den man nur mehr so nennen kann: räudig.

Dazu, dass sich der Ton weiter verschärft, tragen natürlich auch besondere Tiefpunkte bei, wie das rassistische „Rattengedicht“ eines Braunauer FPÖ-Funktionärs. Das war dann selbst den für extreme Sprache bekannten Freiheitlichen zu arg und immerhin, der Politiker musste zurücktreten. Auf den Rücktritt von EU-Mandatar Harald Vilimsky wegen der wüsten Angriffe auf ORF-Anchor Armin Wolf wird man vergeblich warten.

Sprache als Waffe

Übertreibungen oder Gehässigkeiten gehören zum politischen Alltagston, derzeit auch im EU-Wahlkampf. Doch Sprache ist kein Nebenschauplatz, gerade nicht in der Politik, von den Mächtigen strategisch eingesetzt. Sprache schafft Bewusstsein, Sprache bestimmt Wirklichkeit. Sprache kann eine Waffe sein, sie kann Menschengruppen ausgrenzen, Menschen gegeneinander aufbringen und der Inhumanität Vorschub leisten.

Umso mehr sollte man auf die eigene Sprache achten. Wenn Kanzler Sebastian Kurz sagt, in sozialen Medien würden Journalisten mit abweichenden Meinungen vom Mainstream „niedergemetzelt“, dann ist das ins Extrem überzogen. Auch wenn manche Medienleute oder Berater auf Twitter gerne die Contenance verlieren, bitte mal über dieses Bild nachdenken. Wenn die schon öfter ausfällige SPÖ Langenzersdorf auf Facebook über die Journalistin Martina Salomon schreibt: „Die Chefredakteurin vom Kurier, eine vom Basti installierte türkise Laufmasche“, dann ist das gehässig, sexistisch und hat mit „Kritik“ nichts zu tun.

Absurde Vergleiche

Wenn der ÖVP-EU-Listenerste Othmar Karas die SPÖ-Kandidatin Julia Herr wegen ihrer Überlegungen zur langfristigen Verstaatlichung von privaten Firmen und parlamentarischer Demokratie gleich mit der AfD vergleicht und ihr ausrichtet: „Hier zeigt sich, wie nah Linksextremisten und Rechtsextremisten beieinander liegen“, dann ist das absurd bis untergriffig. Oder wenn die Neos auf ein EU-Sujet „Der ,Große Austausch’, wie wir ihn uns vorstellen: Erasmus“ schreiben, dann holt man so die rechtsextreme Propaganda (Vizekanzler Heinz-Christian Strache verwendet den von Identitären ersonnenen Begriff „Bevölkerungsaustausch“) noch mehr in den gängigen Diskurs. Ironie funktioniert da nicht, sorry.

Alles Kollateralschäden, so läuft Politik eben? Dann sollte man als Politiker (Politikerinnen machen auch mit, aber gemäßigter) vielleicht darüber nachdenken, ob am Ende nicht auch die eigene Glaubwürdigkeit ein Opfer der rohen Sprache werden kann.

„Sprache kann eine Waffe sein, sie kann Menschengruppen ausgrenzen, Menschen gegeneinander aufbringen.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt