Fanal Istanbul

Politik / 07.05.2019 • 22:36 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Anhänger der oppositionellen CHP protestieren gegen die Annullierung der Bürgermeisterwahl in Istanbul. reuters
Anhänger der oppositionellen CHP protestieren gegen die Annullierung der Bürgermeisterwahl in Istanbul. reuters

Türkischer Präsident Erdogan flüchtet in Neuwahlen.

Heinz Gstrein

istanbul In Istanbul hat Machthaber Recep Tayyip Erdogan nun doch die Annullierung der vom Oppositionskandidaten Ekrem Imamoglu gewonnenen Bürgermeisterwahl erzwungen. Beobachter sind überzeugt, dass er sich damit langfristig einen Bärendienst erweist. Für die türkische Finanzkrise liegt das sofort auf der Hand. Die Landeswährung stürzte kopfüber weiter ab. Kein Wunder bei dem Hagel internationaler Empörung, der jetzt auf Erdogans Türkei niedergeht: Die habe Richtung EU wirklich nichts mehr verloren. So auch Bundeskanzler Sebastian Kurz, für den sich Ankara „seit Jahren mit immer größeren Schritten“ von Europa entfernt.

Coup zu Beginn des Ramadan

Für einen Euro müssen Importeure am Bosporus jetzt fast sieben „neue Lira“ hinlegen, die bei ihrer Einführung eins zu eins gestanden hatte. Das nun im Ramadan mit seinen kulinarischen Freuden nach dem abendlichen Fastenbrechen zu spüren. Die meisten Leckerbissen kommen heute vom Ausland. So wird Schmalhans am Bosporus Küchenmeister. Zwar hat das Regime seinen Annullierungscoup gezielt auf Beginn des Ramadans gelegt, dessen träge Atmosphäre frischen Aktivitäten der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) zur Festigung ihres knappen Erfolgs vom 31. März hinderlich ist. Nun aber hat das dürftig werdende nächtliche Festen genau die gegenteilige Auswirkung.

Wenn in sechs Wochen alles mit rechten Dingen zugeht, haben der joviale, mitteleuropäisch wirkende Imamoglu  sowieso die Nase vorn gegenüber dem Regime-Kandidaten Binali Yildirim. In Erdogans Umgebung hat man daher schon über einen Kandidatenwechsel für die Neuwahl nachgedacht. Yildirim dementiert hat das aber lautstark. Imamoglu gib sich gelassen und zuversichtlich. Beim – wie er sagt – „vorübergehenden“ Räumen des hochmodernen Rathauses im Stadtteil Eminönü, rief er seine Anhängerschaft am Dienstag zu „gesundem Menschenverstand“ auf. Erdogans Ziel bei seinem „Verrat“ am Willen von Istanbuls Wählerschaft sei auch die Schaffung von Chaos und Provokation von Unruhen. Damit wolle er weitere Verschärfung seines Unterdrückungsregimes rechtfertigen.

Wichtige Position

Der Oberbürgermeister der 15-Millionen-Metropole Istanbul ist im politischen Leben der Türkei eine der wichtigsten Funktionen. Nicht zufällig hatte auch Erdogan seinen Aufstieg dort begonnen. Mit der Absetzung von Imamoglu macht er diesen erst recht bekannt und beliebt. Am Bosporus werden auch die 20 Tage seiner Amtsführung nicht vergessen. Er hat in dieser kurzen Frist durch Bürgernähe Sympathien gewonnen. Seine Fürsorge galt nicht nur den Menschen: Zum Schutz unzähliger herrenloser Hunde und Katzen, die zu Freiwild im wahrsten Sinn geworden sind, verfügte Imamoglu die Schaffung einer „Tierpolizei“. Jetzt müssen Istanbuls Vierbeiner für deren Aufstellung auf eine Bestätigung des Oberbürgermeisters im Juni warten. GSTRE