Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Sophie Scholls Mut: Was hätte ich getan?

Politik / 14.05.2019 • 06:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es tut mir leid, aber über Jan Böhmermann kann ich mich nicht aufregen. Wenn der deutsche Satiriker in dem wild umstrittenen ORF-„Kulturmontag“-Interview die türkis-blaue Regierung durch den Kakao zieht und sagt, in Österreich würden „acht Millionen Debile“ leben, dann gehört das im Aufmerksamkeitsgeschäft zu seiner Rolle als Satiriker, der sich nichts pfeift.

Solche Zuspitzungen müssen nicht allen gefallen, es muss aber Raum für sie im Diskurs geben, genauso wie auch Böhmermann als Reserve-Thomas Bernhard im Unterhaltungsfernsehen seine Berechtigung hat. Bernhards Werk, dessen feinnervige und zugleich harte Betrachtungen tatsächlich viel über die Verfasstheit des Landes, den Umgang mit der Vergangenheit und die heimische Seelenlandschaft erzählen, könnte man wieder einmal zur Hand nehmen. Und sich ein wenig in Selbstreflexion üben, statt sich künstlich aufzupudeln.

Sophie Scholl nie vergessen

Mit einem gewissen Selbstwert sollte man Jan Böhmermann aushalten können. Dazu bräuchte man aber auch das Bewusstsein für die Rolle des eigenen Landes in der Geschichte, für das, was uns ausmacht und prägt. Weitaus mehr als Böhmermanns Österreich-Witze hat viele vergangene Woche der 8. Mai als Tag der Befreiung und der Geburtstag von Sophie Scholl bewegt – sie wäre am 9. Mai 98 Jahre alt geworden; die Widerstandskämpferin engagierte sich mit ihrer Gruppe, der „Weißen Rose“, gegen die Nationalsozialisten und wurde mit ihrem Bruder Hans dafür 1943 zum Tode verurteilt. Sophie Scholl wurde 21 Jahre alt.

„Lieber Thomas Bernhard lesen und sich in Selbstreflexion üben, statt sich künstlich aufzupudeln.“

Wenn wir heute auf die finstere Vergangenheit unseres Landes in der NS-Zeit blicken, um besser zu verstehen, sind es gerade diese Erzählungen von mutigen Menschen, die man auch nie vergessen sollte. Denn es gibt sie, zwischen all dem Grauen. Wie zum Beispiel jene des Großvaters eines Menschen aus meinem nahen Umfeld, ein Tiroler Bauer aus der Gegend des Tulferbergs, der eine junge Jüdin bei sich am Hof vor den Nazis versteckte und damit rettete; sie zog später nach Paris und besuchte bis zu ihrem Lebensende jeden Sommer den Hof, für die Kinder der Familie war sie die Tante Klara. Eine Geschichte, die mir immer Hoffnung gibt.

Die Taten unserer Vorfahren

Mutige Menschen, Opportunisten und Unmenschen, Täter und Opfer, jene, die es sich mit dem Regime gerichtet haben, jene, die weggeschaut haben und jene, die im Kampf für die Menschlichkeit ihr Leben riskierten: Sie alle finden sich in den Familien des Landes. Aus ihrer Geschichte können wir lernen und uns mit schwierigen Fragen konfrontieren. Was hätte ich damals getan? Hätte ich den Mut, die Entschlossenheit gehabt, mich gegen das Unrecht aufzulehnen wie Sophie Scholl?

Ich persönlich hoffe es so, aber ich weiß es nicht.